DAS LAGER - Zeitzeugen erinnern sich

 

(Die Interviews wurden vorwiegend mit Angehörigen der zweiten Generation durchgeführt, die im DP-Lager Schierholzstr. 41 gelebt haben.
Die Aussagen verschiedener Gruppeninterviews werden hier zusammengefasst.)

"Heimatloser Ausländer /
Polnisch ungeklärt"
Die als Zwangsarbeiter Verschleppten bekamen zunächst einen IRO-Ausweis, vom 25.4.1951 an hatten die aus Polen stammenden DPs den Status "Heimatlose Ausländer / Polnisch ungeklärt".
Wer diesen Status besaß, war den Deutschen (rechtlich) weitgehend gleichgestellt. "Heimatlose Ausländer" durften jedoch keine Beamten werden, nicht wählen und brauchten für Auslandsreisen ein Visum, so lange sie noch nicht die deutsche Staatsbürgerschaft hatten, d.h. zum Beispiel für Reisen nach Italien,aber auch nach Polen!
Polen, die sich bis 1955 nicht repa-triieren ließen, d.h. nicht nach Polen zurückkehrten, verloren die polnische Staatsbürgerschaft. In den 50-er Jahren war Repatriierung für die DPs kein Thema mehr; wer bis dahin noch in Deutschland war, blieb im Allgemeinen für immer.
Erschreckend ist, dass noch heute dieser Status aktuell ist: Die Tochter eines "Heimatlosen Ausländers" wurde 2001 geboren, sie ist ebenfalls noch ein "Heimatloser Ausländer".
Polen konnten nach dem Krieg nur dann Deutsche werden, wenn sie sich einbürgern ließen, da in der BRD das Blutsrecht gilt, doch dazu benötigten sie die Bestätigung, dass sie keine Polen seien und dafür verlangte ihr Heimatland viel Geld. (Die Passgebühr betrug ca. 75% des Monatsgehaltes.)

Auswanderung
"Heimatlose Ausländer" wurden diejenigen, die nicht aus Deutschland emigrieren konnten. In die typischen Auswanderungsländer (USA, Aus-tralien, Kanada und Neuseeland) durften nur gesunde Menschen ziehen, die arbeiten konnten, Kranke waren nicht erwünscht. Daher blieben viele Familien in Deutschland.

Bewohner
In das DP-Lager Schierholzstraße 41 passten in den 50-er Jahren ca. 1400 Leute, es war auch in den 50-er Jahren durchgängig mit etwa 1200 Bewohnern, d.h. zu 80 - 85 %, belegt. Davon waren schätzungsweise durchschnittlich 80% Polen, ansonsten Tschechen, Letten, Ukrainer, Russen (Minderheit) und ab 1956 verhältnismäßig viele Ungarn, die an dem Ungarnaufstand teilgenommen hatten und aus der Heimat fliehen mussten. Aufgrund der hohen Anzahl an Polen wurde im Lager hauptsächlich polnisch gesprochen. Für die 60-er Jahre wird die Zahl der Bewohner auf ca. 500 bis 800 geschätzt.
Anfangs begrenzte ein Zaun das Lager, doch wurde er später abgerissen. Der deutsche Nachbar von Baracke 8, an der Ecke des Lagers, ließ jedoch nachträglich wieder einen Zaun aufstellen, da er sich anscheinend von den Bewohnern des Lagers bedroht fühlte.
Die einzelnen Baracken waren aus Stein und nicht abzuschließen. Pro Baracke gab es sechs Toiletten für alle Bewohner. Diese waren auf 16-22 Zimmer (Größe etwa 4m x 5m) verteilt und 14 - 22 Familien wohnten in den großen Blocks.
Die Gebäude hatten einen Mittelgang auf seiner Längsachse, der Gang war 1,5m - 3m breit. Dort standen Fahrräder, Schränke usw., weil in den Wohnräumen nicht genug Platz vorhanden war. Für kleine Kinder gab es einen "Pinkelpott", damit sie nachts nicht über den ganzen Flur laufen mussten.
4 Personen bekamen jeweils ein Zimmer, größere Familien konnten einen Antrag auf ein zweites Zimmer stellen. Die Zimmer waren alle mit unterschiedlichen Möbeln ausgestattet.
Duschen war nur samstags und sonntags möglich und kostete etwa 50 Pf - 1 DM.
Block 14 z.B. sah etwa so aus: vorne eine Wiese, Eingangstür nach außen, eine Toilette und eine Zinkwanne fürs Kochen und Backen. Da es keine Waschbecken auf den Zimmern gab, richtete man einen "Waschtag" ein, das Waschbecken befand sich auf dem Flur in der Waschküche.
Hier lebte u.a. Frau Katarina Z., ihre Familie arbeitete auf einem Gut. Dort lernte sie ihren Mann kennen. Sie wurden von Lager zu Lager geschickt und kamen 1950 mit 8 Leuten in ein Zimmer im Block 14.

Lebensumstände im Lager
Vorweg ist zu sagen, dass alle Lagerbewohner dieselben Konditionen zum Leben hatten.

Was aß man?
Gegessen haben die Lagerbewohner hauptsächlich Brot (altes Brot wurde nicht weggeworfen, sondern wurde in der Pfanne angebraten), außerdem Gemüse, wie Kohl und Gurken, das sie in ihren kleinen "Gärten", z.B. vor den Blocks, zum größten Teil selbst anbauten. Nur einmal in der Woche gab es Fleisch vom Schlachter. Manchmal standen auch Hauskaninchen zur Verfügung, die einzelne züchteten.
Bei Frau von Wedel von der Caritas (NCWC), die auch im Lager vertreten war, bekam man in knappen Zeiten auch Essen umsonst.

Einkaufsmöglichkeiten
gab es sowohl im Lager als auch außerhalb. Es gab vieles, aber wegen speziellerer Dinge, Töpfe und Nadeln usw., musste man mit dem Fahrrad nach Hannover-Buch-holz fahren. In Hannover-Bothfeld gab es zwei Tante-Emma-Läden. Im Lager selbst gab es Nowaks Lebensmittelgeschäft, wo es fast alles gab, was man für den täglichen Gebrauch benötigte; außerdem konnte man hier auch auf Kredit kaufen.
Zusätzlich kamen Händler (zum Teil mit Bauchläden) ins Lager. Der Obst- und Gemüsehändler, der auch Eier und Wurst verkaufte, kam täglich mit seinem Wagen, während der Kohlenmann nur einmal in der Woche kam. Beide Lieferanten hatten ein recht freundschaftliches Verhältnis zu den Lagerbewohnern.
Alkohol konnte man beim Verwalter des Lagers erhalten.


Kleidung
Neue Kleidung gab es kaum, die meisten Leute hatten nur eine, höchstens zwei Hosen bzw. Pullover zum Wechseln. Ab und zu kamen Hilfspakete mit Second-Hand-Kleidung, die von den Frauen umgenäht wurden, ebenso wie bereits vorhandene Kleidung des öfteren geändert wurde.
Wer sich einen Friseurbesuch leisten konnte, hatte es nicht weit, da es direkt im Lager ein Friseurgeschäft gab.

Medizinische Versorgung
Die ärztliche Betreuung war "normal", es gab im Lager eine Arztpraxis und in der Nähe, in der Silberstraße, gab es eine Apotheke. Ansonsten linderten die Lagerbewohner ihre Schmerzen mit Hilfe von Kräutern und Naturheilmitteln.
Da das Geld knapp war, wurden Ärzte zum Teil auch mit Zigaretten und Schokolade bezahlt. Krankenversichert waren Arbeitslose durch das Sozialamt. Wer krank, jedoch nicht versichert war und kein Geld für eine Behandlung hatte, wurde auch umsonst behandelt, operiert oder mit Medikamenten versorgt.

Gesundheitszustand
Was den allgemeinen Gesundheitszustand betraf, war die Lungenkrankheit Tuberkulose weit verbreitet. Gründe dafür waren der Krieg, die Lebensbedingungen der Zwangsarbeit, Hunger, schlechte Ernährung, schlechte Unterkünfte, (kalte Räume und undichte Fenster) usw.

Betreuung der Kinder
Für die Kinder des Lagers organisierte "Kinderhulp" ab 1962 vierwöchige Aufenthalte in Holland, wo sie zusammen mit den Kindern des Lagers Stöcken mit dem Bus hinfuhren. Ihre Eltern mussten nur die Busfahrt finanzieren(20 - 30DM). Vor Ort (in Groningen) wurden die Kinder in Familien untergebracht.


Reisen, Kontakte nach Polen
Wenn man vor den Zeiten der "neuen Ostpolitik" der Brandt-Regierung nach Polen fahren wollte, lief das häufig über den "ZGODA" .(Bund der Polen in Deutschland) als Vermittlungsinstanz zwischen Polen und der Bundesrepublik. ZGODA war im 19. Jahrhundert gegründet, bei Beginn des Zweiten Weltkrieges aufgelöst und 1946 wieder gegründet worden. Er half vor allem kommunistischen Polen nach Polen zu fahren da Polen auch kommunistisch war. Diese politisch links ausgerichtete Gesellschaft kümmerte sich um Pässe und Visa.


Kontakte, Sozialbeziehungen im Lager
Die Stimmung zwischen den Nationen innerhalb des Lagers war positiv, man hielt aufgrund des selben Schicksals zusammen. Herr B. z.B. in Block 5 war Deutschrusse und seine Frau Russin.
· Dennoch bezogen sich die Angehörigen der einzelnen Völker stärker auf einander und zwischen den Polen und den Russen und den Ukrainern und den Russen kam es gelegentlich zu Schlägereien bzw. manchmal auch sogar zu Messerstechereien.

Obwohl das Bedürfnis nach Kontakt ins Heimatland groß war und man sich viel schrieb, gab es vor etwa 1970 keine Besuche aus Polen. (Die Briefe an Lagerbewohner wurden wie folgt adressiert:
"NN
Schierholzstraße 41
Barackennummer ...
Zimmernummer....
Hannover-Buchholz"

Ein besonderes Gebäude im Lager war die Kantine zwischen Block 5 und 7. Sie hatte ca. 30 Sitzplätze und war zentraler Treffpunkt: "Da war immer was los!" Die beliebte Wirtin Anni Holik hat die Einrichtung über viele Jahre geführt, bis zum Ende des Lagers.

Beziehungen außerhalb des Lagers
Über Beziehungen zu deutschen Händlern, die ins Lager kamen, hinaus gab es im Alltag kaum Kontakte zu Deutschen, da diese die Lagerbewohner zumeist diskriminierten: Sie galten vielen als kriminell. Daher wurde deutschen Kindern oftmals verboten mit den polnischen Kindern zu spielen. "Das Lager war wie eine Insel."

Erziehung, Ausbildung:
Schule
Unmittelbar nach Kriegsende wurden in vielen Lagern zunächst provisorische Kapellen oder Kirchen und Schulen eingerichtet, um die sogenannten Kulturtechniken wieder aufzufrischen oder neu zu vermitteln, denn viele ehemalige Zwangsarbeiter hatten kaum eine schulische Ausbildung erhalten. Aber auch die Vermittlung von Kenntnissen aus polnischer Geschichte, Kultur und Politik erschien als unbedingt notwendig. So gab es auch schon im Lager Buchholz ab 1951 privat organisierten Unterricht in der sogenannten Ergänzungsschule für Polen, aber auch später für die Ukrainer.
Da die Mehrheit der Lagerbewohner im Lager Polnisch sprach und die Kinder in deutsche Schulen kamen, hatten sie daher anfangs vor allem große Sprachschwierigkeiten.
Diskriminierungen erlebten die Schülerinnen und Schüler aber nur teilweise. Sie waren dennoch eine deutlich zu unterscheidende Gruppe, waren z.B. "Freitrinker", d.h. erhielten umsonst Milch, während die anderen Kakao tranken. Schulbücher erhielten sie umsonst. Ihnen allen war gemeinsam: "Wir waren die Lagerkinder."


Berufsausbildung
Je größer der Abstand zum Zweiten Weltkrieg wurde, desto mehr normalisierten sich die Fragen der Schul- und Berufsausbildung. Es wird berichtet, dass in der Schule wesentliche Impulse für die Berufswahl gesetzt wurden.


Arbeit
Nach dem Krieg war es für Ausländer nicht leicht Arbeit zu finden. Einerseits war der formelle Bildungsstand bei vielen Zwangsarbeitern relativ niedrig, da viele im jugendlichen Alter von den Deutschen verschleppt worden waren.
Dann kam hinzu, dass viele Polen vorwiegend aus dem ländlichen, d.h. bäuerlichen Bereich stammten und "nur" eine Vorbildung mitbrachten, die außerhalb handwerklicher und industrieller Qualifikation lag. Außerdem wurden in der Anfangszeit, als das Wirtschaftswunder noch nicht anlief, Deutsche bei der Arbeitssuche bevorzugt. Daher fanden viele zunächst keine Arbeit außerhalb des Lagers, das war eher eine Ausnahme.
Möglichkeiten bot jedoch schon früh die englische Militärregierung und ihre Armee: Die MSO (Mixed Service Organization), eine Organisation der britischen Rheinarmee, vergab Stellen an die arbeitssuchenden DPs. Sie wurden dort z.B. als Wachleute angestellt. Die Entlohnung bestand anfangs auch häufig in Schokolade, Zigaretten etc.


Kirche, Religion
Die katholische Kirche war religiöser Mittelpunkt des Lebens und gleichzeitig Kulturzentrum des Lagers. Hier fanden Veranstaltungen und größere Feiern statt. Außerdem wurde von der Kirche Polnisch-Unterricht angeboten. Außer den politisch Linken waren alle sehr religiös und gingen regelmäßig in die Gottesdienste. Viele hatten eine starke Orientierung in der Kirche.
Der damalige Pfarrer Dubjen war Angestellter der Engländer und gleichzeitig auch Pfarrer in Braunschweig. Herr Scholz war Priester in diesem und anderen Lagern.
Die Ukrainer nutzten zunächst die Kirche im Block 15, hatten aber später ihre eigene Kirche.

Kultur
Die Kultur spielte im Lager trotz der schwierigen Lebensumstände eine besdeutende Rolle. Es gab Folklore-, Tanz-, Gesangs- und Theatergruppen. Eine von der Kirche gegründete Theatergruppe trat mit ihren Stücken in deutschen Schulen auf. Die Gruppe ORZEL BIALY, "Weißer Adler", wurde, von hier ausgehend, auch international bekannt.
Außerdem gab es im Lager frühzeitig Pfadfindergruppen, die sich an englischen Vorbildern orientierten. Sie wurden nicht von der Kirche gegründet, aber im Rahmen ihrer kulturellen Tätigkeit betreut. Die Pfadfindergruppen boten den Jugendlichen die Möglichkeit von Gemeinschaftserfahrungen, wenn sie ihre Fahrten machten, von internationalen Kontakten und gemeinsamen Aktivitäten außerhalb des Lagers.

Kriminalität
Ein Hauptvorwurf und Vorurteil in der deutschen öffentlichen Meinung gegenüber den Lagerbewohnern war deren vermeintliche Kriminalität.
Längst ist erwiesen, dass die Grenzen zwischen Legalität und Kriminalität in der unmittelbaren Nachkriegszeit von vielen Menschen - nicht zuletzt aus purer Not - häufig überschritten wurden.
Sie war ein offenkundiges Problem, das aber nicht allein auf die Bewohner von DP-Lagern projeziert werden kann. Deutsche wurden ebenso häufig kriminell wie Angehörige anderer Nationen, manchmal noch häufiger!
Zwischen den Lagerbewohnern, unter den Nationen, gab es wenig Kriminalität. Nach der Erinnerung gab es nichts Auffälliges, manchmal wurden lediglich Lebensmittel (aber auch Kohle, Holz und Kleidung) aus Not (kein Geld) bzw. aus Rache an Deutschen gestohlen.
Ende des Lagers
Nachdem das Lager zwanzig nach dem Krieg immer noch von vielen ehemaligen DPs bewohnt war, gab es ab 1965 endlich eine Wohnalternative. Ganz in der Nähe entstanden Sozialwohnungen, die für viele eine neue Bleibe boten, so dass die restlichen ehemaligen Lagerbewohner, die DPs, ausziehen konnten.


Fazit:
Noch heute sehen die meisten der ehemaligen DPs Polen als ihre Heimat an und fühlen sich diesem Land verbunden, reisen auch häufig dorthin.

Rückblickend wird der Zusammenhalt zwischen den Lagerbewohnern als positives Element gesehen. Jeder wusste, wann wer krank war oder Geburtstag hatte. Man half einander, wo man konnte, z.B. bei der Kinderbetreuung. Man stand sich besonders in der Not gegenseitig bei, man war eine geschlossene Gemeinschaft
Als negativster Eindruck bleiben das Wohnen auf engstem Raum in Erinnerung: "Am schlimmsten waren die Wohnverhältnisse!"

 




 
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