Muna Lübberstedt
 

 

- Was war die Muna Lübberstedt?

- Die Arbeiter

- SS- Personal

- Die weiblichen Häftlinge

- Das Kriegsende 

- Nutzung nach dem 2. Weltkrieg
- Auszug aus einem Vernehmungsprotokoll

- Quellen:

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Was war die Muna Lübberstedt?

 

Bereits im Herbst 1939 waren in Axstedt und Lübberstedt Barackenlager für den Reichsarbeitsdienst (RAD) und für über tausend ausländische Arbeitskräfte entstanden. Im so genannten Bremer Wald westlich der Bahnstation Lübberstedt wurde eine Lufthaupt-Munitionsanstalt (kurz „Muna“) der Luftwaffe gebaut. Es gab 60 Munas der Luftwaffe, 180 Heeresmunas und 20 Marinemunas. Geplant war hier die Produktion und Lagerung von Seeminen (1000 kg), die - mit einem Fallschirm abgeworfen und in die Küstengewässern und an Flussufern versteckt - feindliche Schiffe zerstören sollten. Die Gesamtfläche der Lufthauptmunitionsanstalt betrug 1200 Hektar.

 

 

Die Arbeiter

Neben dienstverpflichtetem deutschem Personal wurden in der Muna Kriegsgefangene und so genannte „Ostarbeiter“ eingesetzt. Sie stammten vorzugsweise aus Russland und der Ukraine.

Im August oder September 1944 traf eine neue Gruppe ein, die zur Zwangsarbeit in der Muna eingesetzt wurde. Es handelte sich überwiegend um Jüdinnen, die ab Frühjahr 1944 in Ungarn verhaftet und an das verbündete Deutsche Reich ausgeliefert worden waren. Ganze Familien wurden ihrem Alltagsleben entrissen, um gegen ihren Willen zunächst in Ghettos, noch im Heimatland, gebracht zu werden. Schon beim Transport wurden zu langsame oder geschwächte Frauen gnadenlos erschossen. In den Ghettos herrschten menschenunwürdige Zustände; das Überleben war keine Selbstverständlichkeit. Im Juni 1944 wurden die Frauen nach Auschwitz-Birkenau gebracht, ins „Lager für weibliche, jüdische Häftlinge“. Noch an der berüchtigten Rampe wurde eine Selektion durch Dr. Mengele durchgeführt, der die Frauen in „arbeitsfähig“ und „nicht arbeitsfähig“ unterteilte, wobei „nicht arbeitsfähig“ den sicheren Tod bedeutete. Die noch verbleibende Gruppe bestand aus Frauen zwischen 17 und 30 Jahren; nahezu alle mit abgeschlossener Berufsausbildung. Ihnen wurden die Kopf- und Körperhaare geschoren, jedoch keine Anstaltskleidung, sondern Kittel ausgehändigt.

In Auschwitz verblieben die Frauen bis Ende August 1944  und wurden dann zu Tausenden per Waggons in Nebenlager bzw. Außenkommandos zur Arbeit geschickt. Für die Fabriken bildete der Einsatz von KZ-Häftlingen eine kostengünstige Möglichkeit, um an Arbeitskräfte zu gelangen. Die in der Muna Lübberstedt eingesetzten Frauen wurden in der Nähe des Betriebes, im Lager Bilohe, untergebracht, das zuvor mit ukrainischen Ostarbeitern und –arbeiterinnen belegt gewesen war. Es wurde als Außenlager des KZ Neuengamme geführt. Jeder Häftling bekam ein Etagenbett sowie eine Decke zugeteilt. Das Lager bestand aus zwei Baracken für die SS,  sechs Häftlingsbaracken, Verwaltungsgebäuden, Krankenrevier und einer Küche. Umzäunt mit Stacheldraht, der nachts beleuchtet, aber nicht mit elektrischem Strom geladen war, wurde das Lager von auf Wachtürmen postierten SS-Leuten bewacht.

 

SS-Personal

Die drei aufeinander folgenden Lagerkommandanten waren:

-         Obersturmbannführer Müller (aus Hamburg), etwa 50 Jahre alt, schroffe Art: ungefähr von August bis Oktober 1944 tätig;

-         ein namentlich unbekannter Obersturmbannführer, um die 60 Jahre alt, verhielt sich relativ anständig: ungefähr von Oktober 1944 bis Februar 1945 tätig;

-         Buchwald, um die 40 Jahre alt, streng, brutal: ungefähr von Februar 1945 bis Kriegsende tätig.

Auch weibliche Aufseherinnen wurden beschäftigt. Wahrscheinlich gab es zwei Oberaufseherinnen vier Arbeitskommandoführerinnen, die z. T. wechselten. Hier einige Namen, an die sich ehemalige Häftlinge noch erinnern konnten:

-         Inge Weber;

-         Grete Fritz (genannt „Kutya“ = Hund);

-         die „Rote Marie“ (aufgrund ihrer roten Haare), war auszuhalten;

-         die „Kleine Marie“ (Maria Jablonska), schlug Häftlinge mit einer Hundepeitsche und trat sie mit spitzen Stiefeln;

-         Frau Wagner, genannt  „Bubi“

-         „Hanna“, wahrscheinlich Niederländerin.

 

Die weiblichen Häftlinge

 

Tagesablauf der Zwangsarbeiterinnen:

-         Morgenappell  zwischen vier und fünf Uhr

-         Frühstück: ¼ Leib Brot, etwas Marmelade, Margarine, halber Liter Ersatzkaffee

-         Barackendienst: Fegen, Saubermachen

-         Sechs Uhr mit Gesang zur Arbeit (ca. 10 Minuten Weg), mit Stricken um den Bauch zusammengebunden, grobe Holzschuhe an den Füßen

-         ca. 12 Uhr halbe Stunde Mittagspause, ein Liter dünne Suppe, Essen wurde im Verwaltungsbereich gekocht

-         18 Uhr Arbeitsende, zurück in die Arbeitsbaracken, Appell, manchmal Strafappell, wenn zuwenig gearbeitet

-         Abendbrot, ¼ Lein Brot, Margarine, etwas Wurst, ein Löffel Quark

-         abends wurden die Häftlinge in Ruhe gelassen, Wäsche wurde gewaschen und repariert, ggf. der Religion nachgegangen.

 

Die Arbeit der Frauen beinhaltete das Befüllen, Montieren, Verpacken und Verladen von Bomben für die Luftwaffe, was schwere gesundheitliche Schäden nach sich zog. Durch die chemischen Dämpfe färbten sich ihre Haare rot, und viele der Frauen hatten mit Lungenproblemen zu kämpfen. Weitere Aufgaben der Frauen bestanden darin, Fallschirme zu nähen und zu verpacken, Bäume zu fällen, Gräben auszuheben und Bunker zu bauen. Auch deutsche Gefolgschaftsmitglieder wurden für die Arbeit in der Muna Lübberstedt eingesetzt, ihnen wurde jedoch bessere Arbeit zugeteilt. Im Krankenrevier des Barackenlagers waren die ungarische Medizinstudentin Elisabeth Gutin sowie die beiden Mithäftlinge Magdalen Manczak und Sophia Pracka als Pflegerinnen tätig. Das Arsenal des Krankenreviers beinhaltete jedoch nur Aspirin und war somit wenig hilfreich. Frauen, die zu oft diese Krankenstation besuchten, wurden gnadenlos „verschickt“, was den Abtransport nach Bergen-Belsen bedeutete.

 

Todesfälle unter den 495 Frauen:

-         4. September 1944: Fani Pavel, 29 Jahre, offiziell „Herzschwäche“ nach „Lungenentzündung“ (keine weiteren Angaben)

-         September oder Oktober 1944: Babczu Pinasovicz, geb. Birtricer, 27 Jahre, Misshandlung beim Morgenappell wegen eines Stücks Brot

-         28. März 1945: Etel Jezkowitz, knapp 19 Jahre, Folge von Misshandlung

-         4. April 1945: Sari Katz, 25 Jahre, erschlagen

      -    5. April 1945: Rexfin Weiss, 35 Jahre, „Blutvergiftung“

 

Das Kriegsende

Ende März 1945 wurde dem Lagerkommandanten befohlen, den Abtransport der Häftlinge vorzubereiten. Die Lagerleitung musste dafür sorgen, die Jüdinnen zu beseitigen, um zu vertuschen, unter welchen zutiefst menschenunwürdigen Umständen sie gearbeitet hatten und wie sehr sie gequält worden waren.

Am 19. April wurde das Lager evakuiert und die Jüdinnen wurden für einen Transport Richtung Lübecker Bucht in Waggons verfrachtet. Es ist zu vermuten, dass sie auf Schiffe gebracht und damit untergehen sollten. In der Nähe von Eutin wurde der Zug von britischen Fliegern bombardiert, die vermuteten, deutsche Soldaten zu treffen. 38 Frauen starben an Ort und Stelle. Infolge der Bombardierung waren die Waggons geöffnet, was die überlebenden Frauen sofort zur Flucht nutzten. Sie wurden von den Engländern aufgegriffen und in ein Lager für Überlebende gebracht. Aus diesem Sanatorium für befreite Häftlinge kehrten viele der Frauen wieder in ihre Heimat nach Ungarn zurück, andere wanderten aber auch nach Amerika und Israel aus.

In der Neustädter Bucht warteten die Schiffe auf die jüdischen Frauen, welche mit dem Zug kommen sollten. Auf den Schiffen befanden sich bereits ca. 1000 KZ- Häftlinge. Diese Schiffe wurde ebenfalls irrtümlicherweise von den Engländern bombardiert, weil sie dort Soldaten vermuteten.

Am 4.  Mai wurden die wichtigsten Teile der Muna Lübberstedt von deutschen Truppen in die Luft gesprengt. Die Explosionen dauerten vier Stunden an und setzten den ganzen Wald ringsherum in Brand. Der darauffolgende starke Regen führte zum Löschen des Brandes.

 

Nutzung nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Lufthaupt-Munitionsanstalt wurde nach Kriegsende weiter genutzt:

-         US-amerikanische Truppen führten sie Munitionsdepot weiter und organisierten 1948 eine Schulspeisung von Kindern, die umsonst essen durften.

-         Im Sommer 1951 wurde das Gelände als Kinderheim vom Roten Kreuz genutzt.

-         Im November 1951 diente es als Heimschule für Flüchtlingskinder.

-         1954 wurde hieraus wieder ein Kinderheim des Deutschen Roten Kreuzes und

-         seit Sommer 1956 wurde dieser Platz von der Bundeswehr als Munitionsdepot

      genutzt, mittlerweile dient er als Materiallager.

      -     2008 soll die ehemalige Muna Lübberstedt geschlossen werden.

 

 

Ein Auszug aus einem Vernehmungsprotokoll im Büro des staatlichen Ausschusses zur Betreuung der Deportierten (Budapest 20. September 1945)

Morne Fenyes (geb. 11.04.1909)berichtet von dem Leben im Lager:

„Wir kamen in ein Lager, das sich wie üblich im Wald befand. Je 16 Frauen wurden in einem Raum untergebracht, jede Frau hatte ihr eigenen Schlafplatz (Holzliege) mit zwei Decken. Teller und Löffel bekamen wir auch (das war für uns schon Luxus).

Am Anfang behandelten sie uns gut, später wurde es aber immer schlimmer und schlimmer. Die SS Frauen schlugen uns schrecklich für jede Kleinigkeit, so dass wir immer voll mit grünen und blauen Flecken waren. Acht Wochen lang arbeitete ich in einer Munitionsfabrik unter Aufsicht von deutschen Meistern elf Stunden am Tag. Die Meister waren zu uns gut. Deutsche Frauen von der Zivilbevölkerung arbeiteten auch in der Fabrik, aber jeglicher Kontakt mit ihnen war streng verboten. Später verrichtete ich schwere Männerarbeit im Freien: Munitionstransport, Straßenbau, Holzfällen usw. Dies alles mit magerer Kost, so dass wir alle sehr mager und schwach wurden...“

 

Quelle: Hillmann/Kluge/Kramer

 

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