Die Geschichte des DP-Lagers Schierholzstr. 41

Über die Geschichte des Lagers ist nur wenig bekannt.
Aus einem Schreiben des nieders. Finanzministeriums vom 25. Juli 1968 geht hervor, dass es die Adresse "Misburger Mühlenweg 20" hat, die Kathaster- und Grundbuchbezeichnung
"Gemarkung Groß-Buchholz, Flur 13, Flurstück 54/1, Grundb. Bd. 43, Bl. 1257"
Größe: ca. 4,5 ha
trägt. Die alte Adresse "Schierholz-str. 41" bestand wegen einer Änderung der Straßennamen nicht mehr. (Der "Misburger Mühlenweg" wurde dann 1979 zur "Milanstraße".)
Das Gelände ist zu dieser Zeit ehe-maliges Reichsvermögen, das durch das Nieders. Finanzministerium im Auftrage des Landes Niedersachsen verwaltet, aber durch das Flüchtlingsamt der Landeshauptstadt Hannover seit dem 1.1.64 gemietet, d.h. als "Ausländerlager / Obdachlosenlager" genutzt ist.
Das war aber bereits das offizielle Ende des ehemaligen "DP-Lagers Schierholzstr. 41".
Die Anfänge des Lagers liegen im Dunkeln:
Ein Schreiben der Oberfinanzdirektion Hannover (April 1982) nennt
- für den 1.9.1939 als "Grundbuchmäßigen Eigentümer" : Privatbesitz;
- ursprüngliche Zweckbestimmung bis zum 8.5.1945: "Deutsche Wehrmacht, Flakstützpunkt",
- 9.5.1945 - 24.5. 1949: "britische Streitkräfte als: Transit-Camp,
- am 1.8.1961: "Stadt Hannover als: Flüchtlingslager / Obdachlosenlager"
- 8.5.1945 -
- am 24.4. 1969 als "Obdachlosenlager".
- Grundbuchmäßiger Eigentümer war vom 8.5.1945 bis nach 1961 "Deutsches Reich (Reichsfiskus - Luftfahrt".
- 1969 war das Grundstück im Eigentum der Bundesvermögensverwaltung (Bundesfinanzverwaltung).
Das "Hausbuch" Schierholzstr. 41 der Stadt Hannover, eine Art spezielles Bewohnerverzeichnis, geführt bis 1949, vermerkt auf seinem Titel-Etikett:
- "ab 16.6.44 Lager der Luftwaffe
- DAF-Lager
- polnisches Transit-Lager Schierholzstr. 41..."
Andere Akten erwähnen bereits für 1938 einen "Flakstützpunkt" bzw. eine "Flakschule".
Lässt man die verwirrenden Eigentumsverhältnisse beiseite, kann man folgende praktische Nutzung des Geländes vermuten:
- Im Rahmen der Kriegsvorbereitung - möglicherweise Schutz der Deurag-Nerag in Misburg - ist offenbar 1938/39 eine "Flakschule" oder ein "Flakstützpunkt" eingerichtet worden,
- bereits im Juni 1940 wurde Leon P. aus der polnischen Woiwodschaft Bydgoszcz (Bromberg) gewaltsam als polnischer Zwangsarbeiter im D(eutsche) A(rbeits)F(ront)-Lager "Schiercholcstr. 13" (vermutlich Schierholzstr. 41) untergebracht (Unveröffentl. Aussage; vgl. Anschütz / Heike, Forschungsprojekt hannoversche Lager, 2001).
- Damit kann vermutet werden, dass das Lager, neben der großen Flakstellung gelegen, vor allem zur Unterbringung von Zwangsarbeitern diente, die teils in Betrieben in der Stadt arbeiteten, aber sicherlich auch auf dem Gelände der Deurag-Nerag eingesetzt waren. Rainer Fröbe (Konzentrationslager in Hannover, 1985) schätzt für Juli 1944 die Höchstzahl der dort eingesetzten Kz-Häftlinge, Kriegsgefangenen Zwangsarbeiter usw. auf ca. 5500 Personen, davon waren etwa 1400 im KZ-Misburg untergebracht, die Zahl der Zwangsarbeiter schätzt er zu diesem Zeitpunkt auf etwa 1200 Personen.
- Die 19 Baracken, wenn sie denn allein für Unterbringungszwecke genutzt worden wären, könnten nach den damaligen Maßstäben schätzungsweise 3000 Personen fassen. Zum Vergleich: eine große Baracke von 54 m Länge mit 27 Räumen (vgl. Plan Block 13), belegt mit 8 Personen pro Raum, könnte 200 Personen aufnehmen.

Der ehemalige polnische Zwangsarbeiter Leon P., geb. am 20.02.1916 in Mierogoniewice, Kreis Inowroclaw, Woiwodschaft Bydgoszcz (Bromberg) berichtet:
(Unveröffentlichte Aussage, sie entstammt dem Projekt "Hannoversche Lager" von Jeannette Anschütz und Irmtraut Heike, Historisches Seminar der Universität Hannover.)

Am 8. Juni 1940 wurde ich zusammen mit einer Gruppe von tausend Männern aus Inowroclaw in einen Personenzug unter strenger Polizeiwache geladen und zu Zwangsarbeiten nach Deutschland transportiert. Wir fuhren über Cottbus und Magdeburg. In Hannover stieg eine ziemlich große Gruppe von Männern beim Arbeitsamt Hannover aus. Dort wurden wir registriert und verschiedenen Firmen zugewiesen. Ich, mein Bruder Jözef und zwanzig andere Männer wurden der Firma Wilhelm Wissel - Erdarbeiten und Straßenbau in Hannover, Goethestr. 42 zugeteilt. Wir wurden im D.A F. Lager Buchholz-Schierholz (?)str. 13 (vermutl. 41, RTB) einquartiert. Das waren typische Holzbaracken mit Hochbetten. In jedem Zimmer befanden sich 16 Leute verschiedener Nationalitäten. Das waren Leute (ausschließlich Männer) von 11 Nationalitäten, so dass unser Lagerführer Niebbes uns im Scherz "Tiergarten Europas" nannte. In den einzelnen Zimmern wohnten wir nach den Firmen, bei denen wir eingestellt waren. Es gab dort Tschechen, Slowaken, Ungarn, Holländer, Belgier, lta!iener, Polen, Ukrainer, Deutsche und Franzosen Italiener wurden als ..Vertraute" besser behandelt. Sie hatten sogar eine getrennte Baracke mit italienischer Küche. Die italienische Baracke war mit unserer benachbart. Unser Fenster war gegenüber dem Eingang der italienischen Küche. Ich persönlich hatte nicht nur einmal die Möglichkeit von der Güte der Köchin Rija zu erfahren. Ihr Vater war Italiener, und ihre Mutter Französin. Rija war eine Gewohnheitsraucherin, und ich mit meinem Bruder als Nichtraucher gaben ihr unsere Raucherkarten ab. Dafür bekamen wir gute Lebensmittel. Unser Lagerführer gab sich, ehrlich gesagt, auch Mühe, für uns Lebensrnittel zu besorgen, und als Schwerarbeiter bekamen wir zusätzliche Lebensmittel. Wenn es um Hygiene ging, dann hatten wir einen Waschraum mit Duschen und warmem Wasser. Der Lagerführer prüfte den Stand der Hygiene persönlich jeden Tag um 21 Uhr. Die Bettwäsche wurde jede Woche gewechselt, In jeder Baracke gab es Totlettenräume und Waschbecken. Es gab auch eine Kantine, wo wir jeden Morgen für unsere Lebensmittelkarten einkauften. Sie wurde von Niebbes und Frau Schylf geführt. Da ich Deutsch konnte, war mein Leben wesentlich leichter. Die Deutschkenntnisse waren ein Schlüssel für die Verständigung mit allen Nationalitäten.
[Wegen eines angeblichen Arbeitsvergehens kommt P. ins "Arbeitserziehungslager" Liebenau, eine Art KZ. Dort wird er wegen der unmenschlichen Behandlung schwer krank, kommt aber nach Hannover ins Lager zurück. Er erlebt die schweren Luftangriffe, z.B. den vom 26. juli 1943, mit.]
Ab jetzt konnte man von der Eskalation des Krieges sprechen (Bombenteppiche, nicht nur Sprengbomben mit verspäteter Zündung, sog. Zeitbomben, sondern auch alles verbrennende Phosphorbrandbomben. [...]
Unsere Arbeitsverhältnisse und die Freizeit veränderten sich während der Kriegseskalation (1943-1945). Wir hatten keine ruhige Arbeit mehr. [...] Ab Januar 1945 bis zum Kriegsende wurden Arbeiten jeglicher Art unterbrochen, weil man ständig in den Bunkern versteckt sitzen mußte, um zu überleben. Im Januar 1945 bombardierten die Alliierten unser DAF Lager-Buchholz - unser Quartier. Alle Baracken verbrannten, und in den Baracken unsere Dokumente, Kleidung, Andenken und andere wertvolle Sachen. Als wir an diesem tragischen Tag von der Arbeit zurückkamen, weinte jeder von uns und suchte in den rauchenden Trümmern seine Sachen. Leider wurde alles von den Flammen vernichtet.- "Nur das Gebäude der Küche mit dem Speissaal, der Laden und das Büro blieben erhalten. Wir wurden in einer Erdhütte untergebracht. Hier mußten wir unter schrecklichen Bedingungen bis zum Kriegsende leben.
Der 10. April bedeutete für uns das Ende des Krieges. An diesem Tag, als wir uns auf dem Lagerplatz befanden, wo eine Gruppe von Polen für uns Essen besorgte, kamen ein paar polnisch sprechende amerikanische Offiziere angefahren. Nach einer herzlichen Begrüßung verkündeten sie, daß in drei Tagen eine Militär-Meldegänger-Gruppe kommen und unser Lager liquidieren wird. So geschah es auch. Wir wurden mitgenommen, so wie wir gerade dastanden. Wir wurden in einaf Kaserne gefahren. Dort duschten wir und später wurden wir ärztlich untersucht.

 





 
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