Die Idee
Das vorliegende Thema ergab sich aus der Tatsache, dass ich
1995 mit Schülern ein Projekt durchführte und dazu
eine Ausstellung erarbeitete mit dem Thema "Zwangsarbeit
in Hannover 1939-45". Bei unseren Recherchen stießen
wir auch auf die "Polnische Katholische Mission" in
Hannover, zu der - zu meinem damaligen Erstaunen - immer noch
einige ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gehören,
von denen ein Teil in dem "DP-Lager Schierholzstr. 41"
gelebt hatte. Aus dieser Tatsache entsprang mein Plan, die Geschichte
dieses Lagers zu schreiben.
Einerseits ging
es um eine Geste gegenüber diesen Menschen und ihrem
Schicksal, das nicht vergessen werden soll, andererseits erschien
mir das Thema als eine interessante pädagogische Herausforderung
im Sinne des "forschenden Lernens" und der Wissenschaftspropädeutik
im Fach Geschichte.
Die Schüler/innen legen hiermit ihre Arbeitsergebnisse
vor.
Forschungsstand
und Aktenlage
Als Standardwerk gilt noch immer Wolfgang Jacobmeyers "Vom
Zwangsarbeiter zum Heimatlosen Ausländer. Die Displaced
Persons in Westdeutschland 1945 - 1951" (Göttingen
1985). Hinzu kommen inzwischen eine Reihe von Lokal- und Regionalstudien.
Für Hannover liegt aber nichts Vergleichbares vor, außer
dass in einigen Büchern über die Nachkriegszeit
das DP-Problem auf wenigen Seiten nebenbei angesprochen wird.
Bei meinen Vor-Recherchen musste ich feststellen, dass regelrechtes
Forschungsneuland zu betreten war: Das Stadtarchiv hatte keine
speziellen Dokumente zu dem Lager, das Hauptstaatsarchiv ebenfalls
nicht, außer dass es in verschiedenen Akten hin und
wieder namentlich erwähnt wird.
Erschwerend kam dazu, dass dieses Lager aus einer großen
Flakstellung hervorgegangen war, denn von dort aus sollte
der bedeutende Rüstungsproduzent für Flugmotoren-Öle,
Deurag-Nerag, in Hannover-Misburg vor alliierten Luftangriffen
geschützt werden. Da es sich um eine militärische
Anlage in Reichsbesitz handelte, wurden deren Akten nicht
am Ort aufbewahrt. Nicht einmal ein Grundriss der ehemaligen
"Flakschule Hannover" ist in den Karten des Katasteramtes
der Stadt Hannover zu finden.- wahrscheinlich aus Geheimhaltungsgründen.
Außerdem sind ohnehin nur geringe Aktenbestände
der Luftwaffe im Bundesarchiv vorhanden.
Nachfragen bei verschiedenen städtischen Behörden
(Amt für Wohnungswesen / bzw. damals Flüchtlingsamt,
Bauamt usw.) ergaben weitere Fehlanzeigen, Unterlagen über
das ehemalige DP-Lager waren schon lange nicht mehr vorhanden.
Nur das Sozialamt der Stadt Hannover hat zwei "Hausbücher"
für die o.g. Adresse mit einer - unvollständigen
- Namensliste von Lagerbewohnern bis 1950.
Der "Zentralnachweis"
der "Niedersächsischen Landeszentrale für politische
Bildung" konnte uns einige Informationen vermitteln,
z.B. erhielten wir auf diesem Wege kopierte Lagerzeitungen,
die 1945 in Hannover erschienen waren ("Glos Polski").
Sie werden im Polnischen Nationalarchiv in Warschau aufbewahrt.
Hingegen sind Anfragen beim "Public Record Office"
in London sind bis heute noch nicht beantwortet und eventuell
vorhandene Informationen können leider nicht mehr berücksichtigt
werden.
Bezüglich
der uns interessierenden Sachgeschichte des Lagers von 1950
bis 1964 wurden wir schließlich doch noch bei der Oberfinanzdirektion
Magdeburg, Außenstelle Hannover, fündig, weil diese
im Auftrage des Bundesvermögensamtes die Liegenschaft
verwaltete und amtlich gegenüber der Stadt Hannover vertrat,
die nach 1950 Pächterin des Geländes geworden war.
Allerdings sind zur Zeit auch diese Akten noch nicht alle
zur Bearbeitung freigegeben.
Zeitzeugen-Interviews
Bei der ursprünglichen Planung des Projektes war ich
von der Erwartung ausgegangen, dass wir gerade durch das Vorhandensein
von Zeitzeugen auf viele interessante Berichte, Dokumente
und Fotos stoßen würden. Das war aber nicht in
dem erwarteten Maße der Fall, denn zunächst stellte
sich heraus, dass uns aus der Generation der Zwangsarbeiter/innen
nur etwa eine Handvoll zur Verfügung standen, die aber
teilweise frühestens ab 1950 in dem Lager gewohnt hatten,
weil eine Odyssee sie bis dahin durch eine Reihe anderer Lager
geführt hatte. Erst ab Mitte 1950, der Übernahme
der Lager in deutsche Verwaltung, begann für sie eine
Art Lager-Sesshaftwerdung, die für manche erst 1964 (!)
endete, als die letzten Sozialwohnungen für diesen Personenkreis
in Hannover bezugsfertig wurden.
Angehörige der sogenannten "2. Generation"
der DPs, die Kinder der ehemaligen Zwangsarbeiter/innen, heute
z.T. auch schon fast 50 Jahre alt, die ihre Kindheit im Lager
verbrachten, stellten die größte Gruppe der Zeitzeugen
dar und brachen die größte Aufgeschlossenheit für
unsere Arbeit mit.
Offenbar sind für manche aus der Elterngeneration der
DPs auch heute noch die Jahre im Lager - nach den schlimmen
Erfahrungen der Zwangsarbeit - mit traumatischen Erinnerungen
verknüpft, die sie nicht in die Gegenwart zurück
rufen möchten.
Durch die Interviews gelang es uns vor allem, Einzelheiten
über das Lager zusammen zu tragen und an private Fotos
zu gelangen, die manche Dimensionen des Lebens im DP-Lager
Schierholzstr. 41 sichtbar machen.
Im Laufe der
Zeit kam dann aber doch noch verschiedenstes Quellenmaterial
zusammen: von Luftaufnahmen der Alliierten über ihre
Bombenangriffe auf Hannover-Misburg, bei denen auch das Lager
getroffen wurde, über zivile Luftaufnahmen Anfang der
fünfziger Jahre, über einen Grundriss des Lagers
von der britischen Militäradministration nach 1945 bis
zu Zeitungsartikeln usw.
Die Ergebnisse
unserer Forschungen
Leider sind wir auf Grund der Faktenlage und unseres wissenschaftspropädeutischen
Ansatzes im Rahmen des Geschichtsunterrichts nicht im Stande
gewesen, ein lückenloses und geschlossenes Bild des DP-Lagers
zu rekonstruieren, sondern wir liefern eher ein kaleidoskopartiges
Bild, das manches offen lässt: Im Zentrum unseres Interesses
steht das "DP-Lager Schierholzstr. 41", aber es
ist thematisch eingebunden in Ausführungen zur allgemeinen
DP-Problematik bzw. der Betrachtung der niedersächsischen
Situation, wie sie in wissenschaftlicher Literatur greifbar
ist, ergänzt z.B. um Exkurse, in denen auf die literarische
Verarbeitung der Problematik, etwa durch Tadeusz Nowakowskis
Roman, hingewiesen wird.
Diese Arbeit wird nach Beendigung ergänzt um eine Wanderausstellung
und einen Beitrag im Internet auf der Homepage der IGS Mühlenberg.
Zu den Autorinnen
und Autoren
Sie haben sich durch gemeinsamen Beschluss auf das Vorhaben
mit offenen und unbekannten Ergebnissen eingelassen und ein
Jahr lang die verschiedensten thematischen Bereiche mit großem
Interesse und Engagement bearbeitet.
Dabei sieht man den einzelnen Ergebnissen in aller Regel nicht
an, welche Zeit zu ihrer Erarbeitung aufgewandt werden musste.
Es ist hervor zu heben, dass diese Broschüre als ein
gemeinsames Werk angesehen wird, zu dem jede und jeder nach
seinen Interessen und Fähigkeiten einen Beitrag geleistet
hat. Daher erscheinen keine einzelnen Verfassernamen, sondern
der Geschichtsprojektkurs verantwortet kollektiv seine Arbeit.
Zur pädagogischen
Bedeutung
In diesem Projektkurs wurden viele ausgetretene Bahnen des
traditionellen Unterrichts verlassen. Die Schüler/innen
waren mit eher unüblichen Aufgaben betraut: Viele Fragen
der Materialbeschaffung, der Arbeitsplanung und -organisation,
der selbstständigen inhaltlichen Schwerpunktsetzung,
des zielorientierten Handelns, der Entwicklung demokratischer
Entscheidungsstrukturen im Kurs, der Gewinnung von historisch
abvgewogenen Urteilen, mussten weitgehend selbstständig
gelöst werden.
Zwar blieb natürlich alles auch Unterricht im Rahmen
von Schule, aber die Rollen des Lehrers und der Lernenden
veränderten sich, der Kurs wurde eher zu einer gemeinsam
arbeitenden und lernenden Gruppe. Der Lehrer wurde zum Lernberater
und hatte die Überlegungen der anderen Beteiligten ernst
zu nehmen. Ein Schüler bemerkte, dass in diesem Unterricht
am besten sei, dass der Lehrer die Ergebnisse nicht schon
vorher kenne.
Daher muss ich den Schüler/innen für ihr großes
Engagement in diesem ambitionierten Projekt danken, das nach
ihren eigenen Aussagen mehr Arbeit als ein "normaler"
Unterricht erforderte, aber auch mehr Vergnügen beim
Lernen brachte. Ebenso für die beeindruckenden Erfahrungen,
die ich dabei mit ihnen machen konnte.
Wider das Vergessen
Wir hoffen, dass es uns gelungen ist, etwas von dem vor dem
Vergessen zu bewahren, was in der Erinnerung der ehemals Betroffenen
noch mit "Das Lager" bezeichnet wird. Wir finden
keine Überreste mehr an seinem Standort. Heute steht
dort das Bundessortenamt, ein Teil ist privat bebaut und die
wenigsten heutigen Hannoveraner können vermutlich etwas
mit dem Begriff "Displaced Persons" verbinden, geschweige
dass sie wissen, dass 1950 noch etwa 100 große und kleine
Lager in Hannover existierten.
Die jetzt noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und
Zwangsarbeiter, ihre Kinder, die "2. Generation",
und wiederum deren Kinder haben inzwischen einen deutschen
Pass und können längst als integriert gelten, obwohl
einige wenige auch heute noch - fast sechzig Jahre nach dem
Ende des Zweiten Weltkrieges - den Vermerk "Heimatloser
Ausländer" in ihrem Pass tragen. Sie alle sind integriert,
aber ihre Wurzeln reichen noch nach Polen, in die Ukraine
oder anderswohin.
Danksagung
Unsere Arbeit wurde in vielfältiger Weise unterstützt.
Wir danken insbesondere:
Herrn Dr. Wolfdieter Mechler und Herrn Werner Heine, Stadtarchiv
Hannover,
Herrn Rolf Keller und Herrn Dr. Karl Liedke, "Zentralnachweis
zur Geschichte von Widerstand und Verfolgung 1933-45 auf dem
Gebiet des Landes Niedersachsen", Nieders. Landeszentrale
für politische Bildung,
Herrn Cernoch, Oberfinanzdirektion Magdeburg, Außenstelle
Hannover,
Frau Janet Anschütz und Frau Irmtraut Heike,
Projekt hannoversche Lager, Universität Hannover,
Frau Therese Makarczuk-Krol, Frau Zofia Matula, Frau Regina
Swiatlak, Herrn Ludwig Baresa, Herrn Peter Gierasimuk, Herrn
Koziel, Frau Janina Krajewska, Monsignore Budyn, Polnische
Katholische Mission Hannover,
Frau und Herrn Tereszkun, Herrn Hrynco, Ukrainische Gemeinde
Hannover,
Prof. Richard Evans, University of Cambridge,
Mrs. Jaqueline Cox, Cambridge University Library,
Mr. Phil Butcher, East Anglian Film Archive of the University
of East Anglia, Norwich,
Herrn Wullze vom Kampfmittel-Räumdienst der Bezirksregierung
Hannover,
dem Niedersächsischen Finanzministerium, Herrn Jung,
Sozialamt der Stadt Hannover,
Vertreter/innen verschiedener Ämter der Stadt Hannover,
dem Niedersächsischen Landesamt für Statistik in
Hannover
und vielen anderen.
Hannover, im
März 2002
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