Ich habe damals nicht daran gedacht, dass ich irgendwann jemand darüber erzähle und dass sich überhaupt jemand dafür interessiert

 

(Auszug aus einem Interview mit Frau und Herrn T. die der Ukrainischen Gemeinde in hannover angehören.)

Herr T.:
Nach Hannover bin ich, wie gesagt, 1958 gekommen. Ich hatte mich im März bei VW beworben und musste bis August warten, da es keinen freien Platz gab.
In der Zeit wohnte ich im Barackenlager, doch schon im November zogen wir in die Siedlung Schierholzstraße um, da es wegen der Aufstellung der Bundeswehr vorher ein Kasernenräumungsprogramm gab und wir umgesiedelt wurden.
Das Lager jedoch gab es weiterhin. Nach uns zogen dort die Aussiedler ein (sie lebten aber schon seit 1954/55 dort) und ab 1956/57 zogen auch Obdachlose und Ausgebombte dort ein.
Frau T.:
Meine Familie stammt aus der Westukraine, die bis 1939 zu Polen gehörte. Als die Ukraine von den Sowjets besetzt wurde, haben sie meinen Vater sofort verhaftet. Dann gab es für die Deutschstämmigen die Möglichkeit nach Deutschland auszuwandern. Da meine Großmutter mütterlicherseits Deutsche war, konnten wir auswandern. Meine Mutter dachte, dass sie von Deutschland meinen Vater besser aus der Haft holen könnte, doch man gab ihr bis 1947 nie Auskunft über ihn. 1947 hat meine Mutter über das DRK erfahren, dass er 1942 in Haft gestorben ist.
Als die Volksdeutschen nach Deutschland kamen, gab es nicht sofort eine Wohnung für sie. Wir lebten in einer Schule, in der Männer und Frauen getrennt wurden und in unterschiedlichen Räumen schliefen. In den Räumen standen die Betten Kopf an Kopf, und es schliefen etwa 25 bis 30 Männer bzw. Frauen in einem Raum.
Als der Krieg zu Ende war, wussten wir (sie und ihre Familie) nicht wohin - wir hatten keine Perspektive, da wir aus der Schule gerissen wurden und auch keine Ausbildung bekommen hatten. Wir hatten nichts, wir konnten nichts und was sollte ich jetzt machen?
Damals war ich noch jung und da man sowieso nichts unternehmen oder steuern konnte, machte ich mir nicht viele Sorgen, da mir vieles einfach egal war.
Das Lager in der Schierholzstraße, in das ich schließlich kam, war am Ende ein sogenanntes Auffanglager, da alle anderen Lager und Kasernen in der Nähe geschlossen wurden. Vorher lebten die Nationalitäten soweit es ging, in getrennten Lagern, doch nach der großen Auswanderungswelle nach dem Kriege kam der übriggebliebene Rest schließlich nach Buchholz.
Bei dem Räumungsprogramm 1958/59 wurden die ca. 400 Wohnungen in der Schierholzstraße gebaut.
Ich war während der Lagerzeit noch sehr jung und kann nicht sagen, dass ich die Situation tragisch fand - ich habe das Beste daraus gemacht.
Wir hatten keine Möbel und als wir Gardinen haben wollten - wir wollten auch etwas Schönes - haben wir Windeln gekauft, da sie am billigsten waren und haben sie zusammengenäht oder aus Orangenkisten haben wir Tischchen gemacht, indem wir sie zudeckten.
Ich gewöhnte mich daran, aber trotzdem fühlte ich mich unwohl, da ich in der Stadt sah, dass es wirklich alles zu kaufen gab, und ich hatte nur 70,- DM Sozialhilfe.
Ich hatte gerade angefangen zu studieren, als ich Lungentuberkulose bekam. Deswegen kam ich in ein Sanatorium. Somit war ich arbeitsunfähig zu dieser Zeit und auf die 70,- DM Sozialhilfe angewiesen, und ich war schon glücklich, wenn ich überhaupt etwas kaufen konnte. Trotzdem war ich nicht neidisch, wenn sich jemand alles leisten konnte.
Wenn ich Besuch in der Baracke bekam, habe ich die Besucher ganz normal hereingeführt.
Zurück zu Buchholz: Wir empfanden es nicht als unangenehm, und als wir dann eine Dreizimmerwohnung bekamen, dachte ich: "Mein Gott, was machst du damit? Vorher hatten wir alle in einem Zimmer Platz und jetzt drei Zimmer!"





 
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