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Vor 60 Jahren,
am 20.Juni, war der sogenannte Überfall auf die Sowjetunion
und danach hat alles begonnen.
Nach 60 Jahren erzählt man nicht so gerne über diese
Sachen. Man hat es nicht vergessen - vergessen kann man nichts
- aber man hat es aus seinem Bewusstsein verdrängt.
Diese Jahre, diese Kriegsjahre bzw. die Jahre der Zwangsarbeit,
haben sich auf das leben jedes Einzelnen, der das mitgemacht
hat ausgewirkt.
So kann ich von mir erzählen, dass ich damals, als ich
Schüler eines Gymnasiums war, in eine Polizeirazzia geriet
und wie viele festgehalten und aufgefordert wurde mich in
einem Sammellager zu melden und nach Deutschland zu fahren.
Hätte ich es nicht gemacht, hätten sie mich gesucht,
da ich registriert war und wäre mit der Polizei nach
Deutschland oder vielleicht ins KZ gebracht wurden. Doch das
kann ich heute nicht so genau sagen.
Die gesamte Fahrt nach Deutschland war eine Qual.
Erstmal, in diesem Lager, welches in einer alten Schule war,
gab es keine Betten und keine Matratzen, so dass wir schlafen
mussten. Jeder, der dort hinkam, bekam zwei dreckige Decken.
Man hätte sie am liebsten weggeworfen, weil sie so dreckig
waren, aber es gab sonst nichts anderes.
Nach ein paar Tagen, an einem Freitag, wurde ein Transport
zusammen gestellt und wir mussten erstmal zum Bahnhof maschieren.
Dann wurden wir in einen Zug gesetzt und sind am Nachmittag
losgefahren.
In P. (?) an der Grenze von Pristin Galizina (?) war eine
Brücke am Fluss kaputt und wir mussten umsteigen.
Am Samstagnachmittag kamen wir nach Preslau und haben zum
ersten Mal etwas zu Essen, einen Teller Suppe, bekommen. Vorher
gab es überhaupt nichts: kein Essen, kein Wasser; rein
gar nichts. Keiner hatte sich um uns gekümmert. Wenn
jemand etwas zu essen mit hatte, hat er es allein gegessen.
Aber es kam nur selten vor, dass jemand etwas mit hatte.
Die nächste Station war Halle, wo der Transport aufgeteilt
wurde. Viele kamen ins Ruhrgebiet, wo sie in einem Kohlebergwerk
arbeiten mussten.
Meine Gruppe von ca. 40 Mann wurde nach Augsburg, Bayern,
gebracht.
Am Sonntagabend kamen wir dort an und mussten die ganze Nacht
auf dem Parkplatz warten. Früh am nächsten Morgen
sind wir nach Werkheim(?) zu MAN marschiert. Dort wurde uns
unsere Kleidung abgenommen, während es 14-15°C und
Schneeregen waren. Das Einzige, was wir anbehalten durften,
waren unsere Schuhe. Dann bekamen wir ein Handtuch und mussten
duschen.
Wir sollten eine "Umschulung" der DAF machen. Doch
das war keine "Umschulung"; man bereitete die jungen
Leute einfach auf die Arbeit in der Fabrik von MAN vor. Lernen
sollten wir drei Monate lang, aber es gab nicht genug Leute
und schon nach acht Wochen wurden wir zur Fabrik gebracht
und mussten arbeiten.
Ich sollte bei einem russischen Kriegsgefangenen an einer
Drehbank angelernt werden. Das war sehr einfach und man lernte
schnell, da man sich nur die Reihenfolge merken musste.
Von da an arbeitete ich alleine und blieb dort bis zum Kriegsende.
Es gab häufig Fliegeralarm, so dass wir nicht schlafen
konnten. Außerdem mussten wir in Schichten arbeiten,
ein gewisses Soll erfüllen und eine bestimmte Qualität
abliefern. Einmal hatte ich zuviel Ausschuss, weil ich müde
war und es kein gutes Werkzeug gab. Da wollte mich der Meister
verprügeln.
Für die Arbeit bekamen wir im Werk Mittagessen und nachmittags
aßen wir im Lager. Zusätzlich bekamen wir Marken
für bestimmte Lebensmittel, wie Wurst und Margarine,
welche man in der Lagerkantine kaufen konnte.
Anfangs, während der ersten acht Wochen, war das Esse
viel zu wenig: Wir bekamen ein Brot à 500 gr für
zwei Tage. Meistens aß ich es gleich und hatte für
die restliche Zeit nichts mehr.
Das war unser Schicksal und wir haben es nicht so tragisch
genommen. Es war eben so, und wir haben uns unserem Schicksal
gefügt. Schließlich wurde es für uns noch
schlimmer, als der Krieg zu Ende war: Während des Krieges
haben wir Essen vom Werk bekommen. Nun war der Krieg zu Ende,
das Werk arbeitete nicht mehr und somit auch nicht mehr die
Küche. Deswegen bekamen wir gar nichts.
Als der Krieg zu Ende war, haben sich viele Kriegsgefangenen
und Zwangsarbeiter - besonders die Franzosen, Italiener, Holländer
und Belgier - gefreut, dass sie nach Hause konnten. Doch ein
großer Teil aus der Ukraine, Rußland, Polen und
den baltischen Ländern wollte nicht nach Hause fahren.
Aber viele mussten, da die sowjetischen Kommissare vom Staatssicherheitsdienst
sie in einem Lager sammelten, den Transport organisierten
und sie nach Hause schickten. Aber wir - besonders die West-Ukrainer
- wollten nicht, weil wir eine Vorahnung von dem dortigen
Zustand hatten. Wir wußten zwar nicht, was uns hier
erwartete, aber dorthin zurück wollten wir auch nicht.
Wir wußten, dass das Hitlerregime schlimm war, doch
das Stalinregime war nicht besser. Dort gab es auch KZs, Verhaftungen,
keine Meinungsfreiheit, keine freie Presse, also überhaupt
keine Demokratie.
Die Deutschen und die Amerikaner haben sich natürlich
gewundert und uns gefragt: "Wieso wollt ihr nicht nach
Hause fahren?" Sie fragten: "Was seid ihr für
Menschen? Was habt ihr dort verbrochen, dass ihr Angst habt,
nach Hause zu fahren?" Darauf haben die sowjetischen
Kommissare geantwortet: "Das sind die Kriegsverbrecher!
Die haben Angst nach Hause zu fahren, weil sie dort verfolgt
werden, da sie sich schuldig gemacht haben. Schließlich
haben sie für die deutsche Rüstungsindustrie gearbeitet!"
Doch die Leute, die abtransportiert wurden, kamen nicht nach
Hause: Erstmal mussten sie in ein Filtrationslager. Dort wurden
sie ein halbes Jahr gehalten, bis sie alles, was sie besaßen,
verloren hatten. Dann wurden sie sortiert. Manche kamen nach
Hause, aber der größte Teil wurde nach Sibirien
verschickt. Dort mussten sie arbeiten, und erst nach Stalins
Tod wurden sie frei gelassen. Aber sie durften nicht nach
Hause - sie mussten dort bleiben.
Wir wollten nicht zurück, da wir wußten, dass so
etwas passieren konnte. Aber es war nicht so einfach in Deutschland
zu bleiben, da die westlichen Alliierten das Jalta-Abkommen
unterschrieben hatten. In diesem Vertrag verpflichteten sie
sich allen Menschen, die hier als Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter
gelebt hatten, die Rückreise in die Heimat zu ermöglichen.
Deswegen haben sie alles getan, um es zu ermöglichen:
Manchmal haben sie die Lager umstellt, sind mit Lkws rein
und wollten, dass wir aufsteigen und nach Hause fahren. Aber
wir wollten nicht und mussten kämpfen, damit wir hier
bleiben durften.
Wir lebten zu der Zeit in einem Lager, hatten also keine Wohnung
und auch nichts zu Essen. Als der Krieg zu Ende war bekamen
diejenigen, die vorläufig nicht nach Hause kamen, ein
Barackenlager übergeben. In diesem Lager gab es eine
Küche, eine Verwaltung und sogar eine Lagerpolizei. Diese
Lagerpolizei war eine Wachmannschaft, die das Lager geschützt
und bewacht hatte.
Außerdem wurden in diesem Lager alle registriert und
bekamen von der UNRRA ihre Verpflegung. Später hat die
IRO die Verpflichtungen der UNRRA übernommen.
Wenn wir in Deutschland bleiben wollten, mussten wir einen
Test machen: Es gab einen Fragebogen, der ausgefüllt
werden musste. In diesem Fragebogen wurden wir gefragt, wo
wir geboren sind, wo in Deutschland wir waren etc. . Nach
dem schriftlichen Test mussten wir noch durch einen mündlichen
durch. Dafür mussten wir uns nackt vor einen Offizier
stellen, der unsere Blutgruppe und unseren Blutdruck testete.
Außerdem mussten wir unsere Tätowierung, die wir
unter der SS bekommen hatten, vorzeigen. Die SS-Leute selber
besaßen keine solche Tätowierung und so konnten
sie sehen, ob wir während des Krieges zur SS gehörten.
Bei dem Ausziehen war es egal, wie alt oder jung die Menschen
waren - alle mussten sich ausziehen. Schließlich durften
wir im Lager bleiben, wo wir auch neue Kleidung bekamen.
In den Jahren 1948/49 begannen sich die Leute in Lager für
eine Auswanderung nach Kanada oder in die USA zu bewerben,
da es einem im Lager sehr schlecht ging; es gab wenig zu Essen
und man hatte kaum etwas anzuziehen.
Ich dagegen habe mich im Jahr 1947 zum Arbeiten in einem belgischen
Bergwerk beworben. Vorher hatte ich im Lager schon englische
und französische Sprachkurse gemacht, aber ich konnte
sie nicht immer besuchen, da sie teuer waren und ich kein
Geld hatte. Dann bin ich im Mai 1947 nach Belgien ausgewandert.
Alle, die als politische Flüchtlinge anerkannt wurden,
haben den Status "Heimatlose Ausländer" bekommen.
Dieser Status war in allen Ländern, bis auf den Ostblock,
gültig. Man bekam sogar einen besonderen Ausweis, den
IRO-Ausweis.
(...) - Erklärung
über mitgebrachte Sachen
Die Menschen
haben gebrauchte Kleidung z.B. bei Tschechen oder Italienern
gekauft, Ich habe mir einmal eine Hose und eine Jacke gekauft.
Diese Sachen habe ich drei Jahre lang getragen.
Es gab auch nette Deutsche während dieser Zeit - besonders
ältere Frauen, die hatten Mitleid und Verständnis
mit uns. Der Festsaal unserer Wirtin wurde beschlagnahmt,
in dem wir dann für 40,- schlafen konnten. Sie kam dann
immer zu uns rein und hat sich mit uns unterhalten - soweit
wir uns auf Deutsch unterhalten konnten. Auch bei ihren deutschen
Bekannten hat sie zusätzlich Hemden und Krawatten gesammelt,
die sie uns dann brachte.
Einmal kam sogar eine ältere Frau auf der Straße
auf mich zu und wollte mir Brotmarken schenken. Ich wußte
jedoch gar nicht, was das ist, ich hatte diese Marken noch
nie gesehen. Mein Kollege sagte, dass ich die Marken nehmen
soll, da ich von ihnen Brot kaufen kann.
Es gab viele solcher Fälle, aber es gab auch andere,
schlechte Situationen: Augsburg wurde 1945 nach einem Angriff
schwer beschädigt. Auch unser Werk wurde getroffen. Da
wurden wir, eine Gruppe Ukrainer und eine Gruppe Tschechen,
nach Hamburg verlegt.
(...) - nicht
verständlich
In Hamburg haben
wir auf dem Schwarzmarkt Brotmarken gekauft. Als ich sie dann
in einer Bäckerei einlösen, d.h. Brot kaufen wollte,
bekam ich es nicht. Sie haben mir gesagt, dass ich diese Marken
nicht haben darf und deswegen verkauften sie mir kein Brot.
In Augsburg dagegen, als ich für 400gr Brotmarken abgab,
bekam ich sogar ein ganzes Laib. Es war zwar ein beschädigtes,
äußerlich unschönes Brot, aber das war mir
egal.
(....)
In unserer Abteilung
bei MAN gab es einen Meister, der ein sehr freundlicher Mensch
war. Dieser Meister hat Butterbrote geschmiert und sie an
junge Mädchen ( 14/15 Jahre ), die aus Rußland
kamen und müde waren, da sie bei MAN an den Drehbänken
arbeiten mussten, verteilt. Alle wußten es, doch er
hatte nie Angst.
Es gab sogar einen Deutschen, der neben mir arbeitete und
der uns erzählte, dass er nachts Radio London hörte
und was er erfahren hat. Es war verboten und trotzdem erzählte
er es uns, da er vertrauen hatte und wußte, dass wir
ihn nicht verraten würden. Es gab auch solche Deutsche.
Ich bin erst 1958 nach Hannover gekommen und im Lager Buchholz
habe ich nur ein halbes Jahr gewohnt.
Erst war ich in Augsburg und bin Ende 1945 nach Belgien ausgewandert.
Warum ich nach Belgien ausgewandert bin, muss ich Ihnen noch
erzählen: Wir sind erstemal für zwei Jahre angeworben
wurden um in einem Bergwerk in der Kohlengrube zu arbeiten.
Nach den zwei Jahren durften wir uns frei eine neue Arbeit
suchen, aber es war nicht möglich für Ungelernte
und Ausländer eine andere Arbeit zu finden. Deswegen
bin ich vier Jahre unter Tage geblieben.
1951 fing der Marshallplan an und sie haben Fabriken modernisiert.
Auch in Lüttich, einem großen Industriegebiet,
in dem es große Kohlengruben und Stahlwerke gab. Durch
die Modernisierung brauchten sie neue Leute und ich bin zu
????, in die Fabrik der Stahlwerkindustrie gegangen. Ich arbeitete
an einem Walzwerk, was auch nicht besser war als in einem
Bergwerk zu arbeiten.
Da dieses auch keine bessere Arbeit war und die Wirtschaft
in Deutschland wieder bergauf ging, dachten sich viele von
uns wieder nach Deutschland zurück zu gehen.
In einem deutschen Konsulat habe ich ein Visum für drei
Monate bekommen. Als ich aber in Deutschland war, war es nicht
so einfach an Arbeit zu kommen. Ich bin schließlich
bei den Engländern gelandet. Dort musste ich z.B. Kasernen
oder Munitionsdepots bewachen. Ich blieb drei Jahre bei dieser
Arbeit.
Danach habe ich bei VW in Hannover angefangen. Ich hatte gehört,
dass es ausgebaut werden sollte. Ich habe mich beworben und
schließlich 25 Jahre dort gearbeitet.
In der Zwischenzeit habe ich im Lager auch meine Frau kennengelernt.
Doch solche Menschen wie ich waren nicht am Schlimmsten dran.
Es gab Menschen, den es viel Schlechter ging. Was z.B. die
Juden, die Romas, die Zigeuner oder die Politischen erlebt
haben, wenn sie in den KZs, besonders Auschwitz, waren.
(...) - Erklärung
von Fotos
Wenn man das
erlebt und überlebt hat, spricht man nicht gerne darüber.
Es passierte so schnell, dass man ermordet wurde - man brauchte
nur eine deutsche Freundin zu haben.
Einmal in Augsburg wurde ein Pole zu Tode verurteilt, aufgehängt
und alle Ausländer mussten hingehen und zugucken. Damit
wurde uns Angst eingejagt. Mit solchen Sachen oder auch mit
"Kleinigkeiten", z.B. wenn sie einen verhafteten
und für ein paar Monate ins Gefängnis steckten.
(...)
Nach Hannover
bin ich, wie gesagt, 1958 gekommen. Ich hatte mich im März
bei VW beworben und musste bis August warten, da es keinen
freien Platz gab.
In der Zeit wohnte ich im Barackenlager, doch schon im November
zogen wir in die Siedlung Schierholzstraße um, da es
vorher ein Kasernenräumungsprogramm gab und wir umgesiedelt
wurden. Das Lager jedoch gab es weiterhin. Nach uns zogen
dort die Aussiedler ein (sie lebten aber schon seit 1954/55
dort) und ab 1956/57 zogen auch Obdachlose und Ausgebombte
dort ein.
(...) -Frau
erzählt, unten!
Was Angst anbetrifft,
möchte ich Ihnen noch etwas erzählen: Im Februar
1944 war ein großer Fliegerangriff auf Augsburg. An
diesem Tag war es sehr kalt und es lag sehr viel Schnee. Plötzlich
brannte alles. Ich habe meine Habseligkeiten in zwei kleine
Koffer gepackt, da ich sonst nicht Mal mehr ein Hemd besäßen
hätte. Dann sind wir auf die andere Seite von Lich (?)
gelaufen, da es dort auch ein kleines Lagern mit Ukrainern
gab. Wir dachten außerdem, dass auf dieser Seite keine
Bomben geschmissen werden. Doch wir mußten woanders
hin. Wir wollten aufs Land - dorthin, wo es ruhig war und
es keine Fabriken, die bombardiert werden, gab. Wir sind erst
zur Flak gelaufen, denn dort war schon alles kaputt. Als wir
in der Nähe noch Häuser stehen sahen, sind wir zu
ihnen gegangen. Außer uns waren nur noch Soldaten unterwegs.
Bei den Häusern angekommen, war dort ein Mann, der sagte,
dass wir rein kommen sollten.
Wir sind dann zu anderen Menschen in den Luftschutzkeller
und haben in einer Ecke geschlafen. Nach uns kamen noch andere
Zwangsarbeiter, diese waren jedoch Ostarbeiter (Ostarbeiter
waren noch schlimmer gestellt als Polen, Ukrainer u.a., da
sie zur Sowjetunion gehörten) und deswegen hat sich jemand
beschwert. Es kam dann ein Parteigenosse, der sagte: "Alle
Russen raus!", aber wir waren ja keine Russen. Er forderte
dann noch Polen auf, die wie die Russen gingen. Als er beim
dritten Mal wollte, dass alle Ausländer gehen, mussten
wir den Keller verlassen. Er hat uns erst zur Flak und dann
aufs Polizeipräsidium gebracht, doch wir hatten davor
keine Angst.
In diesem Sommer hatte ich mich schwer erkältet. Deswegen
bin ich zum Arzt, der mich ins Lagerlazerett schicken wollte.
Ich wollte aber nicht, da man dort nichts zu tun hatte. Deswegen
bin ich nicht hingegangen, aber zur Arbeit bin ich auch nicht.
Ganze sieben Wochen blieb ich von der Arbeit fern, nur Abends
zum Essen bin ich ins Werkheim.
Nach sieben Wochen kam der Listenführer zu mir, da ich
meinen Soll nicht erfüllt hatte. Er fragte mich, warum
ich nicht zur Arbeit komme und ich erwiderte, dass ich krank
bin, aber dass ich am nächsten Tag kommen würde.
Doch ich blieb wieder der Arbeit fern.
Als ich dann wieder zur Arbeit kam, hat niemand etwas gesagt
und es gab keine weitere Konsequenzen für mich. Es gab
also auch gute Menschen. Selbst mein Abteilungsleiter, der
Parteigenosse war, sagte nichts.
(...)- Frau
erzählt
Als der Krieg
zu Ende war, wußten wir nicht wohin- wir hatten keine
Perspektive, da wir aus der Schule gerissen wurden und auch
keine Ausbildung bekommen hatten. Wir hatten nichts, wir konnten
nichts und was soll ich jetzt machen?
Damals war ich noch jung und da man sowieso nichts unternehmen
oder steuern konnte, machte ich mir nicht viele Sorgen, da
mir vieles einfach egal war.
(...) - Frau
erzählt
Ich habe damals
nicht daran gedacht, dass ich irgendwann jemand darüber
erzähle und dass sich überhaupt jemand dafür
interessiert."
(....) - Schlusstexte
Frau:
"Das Lager
in der Schierholzsztraße war am Ende ein sogenanntes
Auffanglager, da alle anderen Lager und Kasernen in der Nähe
geschlossen wurden. Vorher lebten die Nationalitäten
soweit es ging in getrennten Lagern, doch nach der großen
Auswanderungswelle kam der übrig-gebliebene Rest nach
Buchholz.
Bei dem Räumungsprogramm 1958/59 wurden die ca. 400 Wohnungen
in der Schierholzstraße gebaut.
Ich war während der Lagerzeit noch sehr jung und kann
nicht sagen, dass ich die Situation tragisch fand - ich habe
das Beste daraus gemacht. Wir hatten keine Möbel und
als wir Gardinen haben wollten - wir wollten auch etwas Schönes
- haben wir Windeln gekauft, da sie am billigsten waren und
haben sie zusammengenäht oder aus Orangenkisten haben
wir Tischchen gemacht, indem wir sie zudeckten.
Ich gewöhnte mich daran, aber trotzdem fühlte ich
mich unwohl, da ich in der Stadt sah, dass es wirklich alles
zu kaufen gab und ich hatte nur 70,- Sozialhilfe.
Ich hatte gerade angefangen zu studieren, als ich Lungentuberkulose
bekam. Deswegen kam ich in ein Sanatorium. Somit war ich arbeitsunfähig
zu dieser Zeit und auf die 70,- Sozialhilfe angewiesen und
ich war schon glücklich, wenn ich überhaupt etwas
kaufen konnte. Trotzdem war ich nicht neidisch, wenn sich
jemand alles kaufen konnte.
Wenn ich Besuch in die Baracke bekam, habe ich sie ganz normal
herein geführt.
Meine Familie stammt aus der Westukraine, die bis 1939 zu
Polen gehörte.
Als die Ukraine von den Sowjets besetzt wurde, haben sie meinen
Vater sofort verhaftet. Dann gab es für die Deutschstämmigen
nach Deutschland auszuwandern. Da meine Großmutter mütterlicherseits
Deutsche war, konnten wir auswandern. Meine Mutter dachte,
dass sie von Deutschland meinen Vater besser aus der Haft
holen könnte, doch man gab ihr bis 1947 nie Auskunft
über meinen Vater. 1947 hat meine Mutter über das
DRK erfahren, dass er 1942 in Haft gestorben ist.
Als die Volksdeutschen nach Deutschland kamen, gab es nicht
sofort eine Wohnung für sie. Wir lebten in einer Schule,
in der Männer und Frauen geteilt wurden und in unterschiedlichen
Räumen schliefen. In den Räumen standen die Betten
Kopf an Kopf und es schliefen etwa 25 bis 30 Männer/Frauen
in einem Raum.
Zurück zu Buchholz: Wir empfanden es nicht als unangenehm
und als wir dann eine Dreizimmerwohnung bekamen, dachte ich:
"Mein Gott, was machst du damit? Vorher hatten wir alle
in einem Zimmer Platz und jetzt drei Zimmer!" "
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