Das kulturelle Leben "Weißer Adler"


(Leicht gekürzter Beitrag von Edwin und Sofia Matula aus der Broschüre zum 25-jährigen Bestehen der Polnischen Katholischen Mission)

Es war wenig, meist nur die Kleidung am Körper, die sie mit in die Fremde nehmen durften. In aller Not blieb dennoch, was ihnen niemand nehmen konnte: Die Heimat im Lied, im Tanz, die Mentalität. Diese Werte haben sie an ihre Nachkommen weitergegeben. Unter Leitung von Gracjan Krol, Wanderlehrer und Dirigent, entstand 1960 das polnische Gesangs- und Tanz-Ensemble ORZEL BIALY, das ein Zeichen zur Völkerverständigung setzte.
In der Privatwohnung einer polnischen Familie in Hildesheim führte Gracjan Krol am 1. Dezember 1960 die erste Probe der späteren Folkloregruppe ORZEL BAILY durch. Es war der Beginn eines unvergleichbaren Erfolges für ein polnisches Ensemble in der Bundesrepublik Deutschland.
Gracjan Krol, 1910 in Körnik bei Pozan geboren, erhielt seine musikalische Ausbildung am Konservatorium in Posnan. Während des Krieges verbrachte er fünf Jahre im Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach seiner Gefangenschaft im Mai 1945 ging er nach Bremen, heiratete und entschloss sich, in Deutschland zu bleiben. Als ihm der "Verband polnischer Flüchtlinge in Deutschland" eine Stelle als Lehrer für 145 Kinder im Lager Marienthal-Horst bei Helmstedt anbot, nahm er an.
Nach Auflösung dieses Lagers kam er 1960 nach Hildesheim und wurde von der Niedersächsischen Landesregierung als Wanderlehrer eingestellt. Nach und nach baute er in seiner Freizeit das Programm, aber auch die Mitgliederzahl der Folkloregruppe aus. Bereits im Jahr 1961 waren Jugendliche und Kinder aus Hannover und 1964 aus Braunschweig eingebunden.
Beruflich leitete Gracjan Krol vier polnische Schulen, die von Beginn an mit der Gruppe ORZEL BAILY verbunden waren. Somit lernten die Kinder nicht nur die polnische Sprache in Wort und Schrift, sondern auch das Spielen auf Mandolinen sowie einfache Lieder und Tänze. So konnte schon frühzeitig das Interesse für das Jugend-Ensemble geweckt werden, denn bei Auftritten in den örtlichen Gemeinden durften die Kinder dann im Vorprogramm mit dabei sein, Gedichte vortragen, Tänze darbieten und sogar das Bühnenstück "Der verzauberte Frosch" vorführen.
Durchschnittlich setzte sich das Ensemble aus rund 70 Jugendlichen zusammen. So gehörten insgesamt mehr als 360 Personen dem Ensemble an, die bei über 350 Auftritten im In- und benachbarten Ausland mitwirkten. Die Darbietungen setzten sich aus einem vierstimmigen Chor mit Solopartien, Duetten und Terzetten, musikalischen Inszenierungen, Volkstänzen sowie einem eigenen Orchester (Akkordeon, Gitarre, Banjo und Schlagzeug) zusammen.
Neben Gracjan Krol, der dirigierte, komponierte, einstudierte (stets mit Geige), unterstützten aber auch die Eltern der Jugendlichen des Ensemble durch freiwillige Leistungen. Zu erwähnen sind besonders die Näh- und Stickarbeiten für die Trachtenkostüme. Mit jeder Darbietung wurde das polnische Gesangs- und Tanzensemble bekannter. Auftritte im Fernsehen bei der "Aktuellen Schaubude", im großen Musiksälen von Kiel bis Stuttgart, von Berlin bis Essen, aber auch im benachbarten Ausland taten ein Übriges. Stets war das Publikum begeistert - die Presseberichterstattung voll Lob und Anerkennung, denn ORZEL BAILY bestand nur aus Amateuren.
Zu den Glanzlichtern zählte sicher auch die Tournee 1970 durch Polen. In der Zeit des Kalten Krieges war eine Einladung aus dem Osten etwas Besonderes. Hier wurden dann auch erste Kontakte mit dem polnischen Ensemble "Bard" in Lublon/Poznan geknüpft. Manche dieser Freundschaften wurden übrigens so herzlich, dass später Ehen daraus entstanden.

 




 
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