Das Lagerleben


(Leicht gekürzter und überarbeiteter Beitrag von Janina Krajewska-Niemira aus der Broschüre zum 25-jährigen Bestehen der Polnischen Katholischen Mission)

Am Ende des Jahres 1950 nach dem misslungenem Versuch zu emigrieren, wegen meiner Lungenkrankheit (TBC) kam ich mit meinem Sohn Ryszard, meiner Freundin Wanda (Litauerin) und ihrem Sohn Loni aus dem Emigrationslager Fallingbostel in das DP Lager Hannover-Buchholz, Schierholzstr. 41, Baracke 13. Dieses Lager war zu dieser Zeit unter der Obhut der Engländer. Im Lager waren etwa fünfzehn Baracken. In denen lebten meisten wir Polen, aber auch Russen, Ukrainer, Litauer, Letten und Tschechen.
In der Baracke 15, die die größte in der Mitte des Lagers war, an einem Ende waren die Verwaltungsbüros und am anderen Ende eine Kantine und ein paar Zimmer. In der Mitte der Baracke haben wir Polen eine Kapelle mit großem Hauptaltar eingerichtet. Zu diesem Altar hat Herr Ing. Stanislaw Krajewski ein schönes, großes Christus-Bild in weißrotem Kleid gemalt. Dieses Bild war so schön gemalt, dass, wo immer man auch in der Kapelle kniete oder stand, Christus einen immer anschaute. An der rechten Seite wurde ein kleiner Nebenaltar gemacht, wo in der Vorosterzeit das Grab Christi und in der Weihnachtszeit die Krippe aufgebaut wurde. An der rechten Seite wurde auch eine Kanzel errichtet.
Und das war der Anfang von unserer Polnischen Pfarrei in Buchholz. Leider haben wir zu dieser Zeit keinen ständigen Pfarrer gehabt - an den Sonntagen und Feiertagen kamen verschiedene [...] polnische Priester. In dieser Gegend gab es zu dieser Zeit keine katholische Kirche, so dass auch die deutschen Katholiken in unsere polnische Lagerkapelle zu unseren hl. Messen kamen. Im Lager war auch ein griechisch-orthodoxer Priester und somit erlaubten wir auch den Ukrainern für Ihre Zeremonien unsere Kapelle zu benutzen.
Wir haben auch die Prozessionen für das Fronleichnamsfest veranstaltet. Es wurden im Bereich des Lagers 4 Altäre für diese Prozessionen gebaut. Es waren enorm tiefe, religiöse Erlebnisse! Im Jahr 1951 übernahmen die Deutschen die Verwaltung des Lagers. Es war sehr schwer, besonders für Menschen mit höherer Ausbildung (Akademiker), die bei den Deutschen keine Arbeit bekommen konnten!
Die einfachen Menschen gingen zur körperlichen Arbeit auf die Felder, zu Bauarbeiten, in den Straßenbau, am Kanal wurden die ersten Bäume angepflanzt.
Wer noch konnte, bemühte sich zu emigrieren - leider war der größte Teil der Polen Lungen - und Knochen-TBC-krank. Für diese Menschen war die Emigration unmöglich. Zu dieser Gruppe gehörten auch der Ing. Krajewski und ich selbst. Ich habe viele, viele Jahre an der TBC gelitten.
An der anderen Seite von unserer Kapelle war ein Saal, wo wir unsere polnischen Festlichkeiten, den 3. Mai, den 11. November, Krippenspiele usw. veranstaltet haben.
Ing. Krajewski, obwohl er kein Lehrer war, hat im Jahr 1951 die polnische Schule gegründet und unterrichtete die Kinder in polnischer Sprache, Religion, Geschichte, Schreiben und Lesen, Gesang und polnische Tänze, wie z.B. "Krakowiak", "Mazurek" und andere.
Er unterrichtete auch ältere Menschen im Lesen und Schreiben. Für die kleinen Kinder wurde ein Kindergarten gegründet. Bei den Schweden hat er Lebesmittel für die Schulkinder und auch Kleidung erbeten. Er ist auch viele Male nach Bothfeld in das Lager zu Fuß gegangen und hat auch dort die polnischen Kinder unterrichtet.
Mein Sohn Ryszard kam so manches Mal in den großen Schulpausen zu mir in die Baracke gelaufen und gab mir ein Stück Brot oder Brötchen, und wenn ich ihm sagte, dass das Essen für euch Kinder ist, damit ihr Kraft zum Lernen habt, antwortete er mir: "Mutti, ich weiß doch, dass Du auch hungrig bist!"
Im Jahr 1952 nach meiner Rückkehr vom Krankenhaus in Schwarmstedt, [...] um meinem Sohn ein normales Leben zu ermöglichen, habe ich ihn zu entfernten Verwandten nach Amerika geschickt, wo er auch seine Schule beendet und dort auch geheiratet hat und Vater von zwei Kindern[...] wurde.
Im März 1951 haben die Deutschen aus der Stadtverwaltung, dem Sozialamt, einen Beamten geschickt, der den Ing. Krajewski als beschäftigten Hilfslehrer im Lager anerkannte. Aber als im Mai desselben Jahres eine deutsche Kommission kam, die gesehen hat, dass er die Kinder im Pa-triotismus und Vaterlandsliebe erzieht - und trotz Anerkennung seiner Arbeit - haben sie ihm mit dem 31. Juli 1951 gekündigt. Natürlich endete auch damit sein kleines Gehalt. Herr Krajewski sagte ihnen jedoch, dass er trotz der Nichtzahlung und Liquidierung der polnischen Schule, die Kinder weiter umsonst unterrichten wird, was er auch trotz Herzschwäche und Lungenkrankheit bis in das Jahr 1962 tat.
Er schrieb auch religiöse und patriotische Bühnenbilder, die er bearbeitete und die er im Lager und auch manchmal in Misburg aufführte. Er schrieb auch Gedichte, Satiren, Anekdoten und Hörspiele für das "Radio Wolna Europa" - (Radio Freies Europa). Im Lager war eine ältere Dame, Frau Wrzalinska, die an unseren Festlichkeiten auf dem Piano Werke vom Chopin spielte. Herr Krajewski organisierte auch die "Krakowiak"-Gruppe und zwei Paare, die den "Mazur" tanzten, in Kleidung, die mit großem Aufwand und Mühe gemacht wurden. Das waren die ersten Gewänder und Tänze in dem Buchholzer Lager.
Ing. Krajewski war Vorsitzender der Polnischen Flüchtlinge (ZPU) und SPK. Frau Jadwiga Gierasimiuk war durch viele Jahre die Schatzmeisterin, leider ist sie schon verstorben. Ich war die Sekretärin.
Das Leben im Lager war schwer, wer keine Arbeit hatte, hatte kaum was zu essen. Wir hatten im Lager Frauen, die nähen konnten, und eine von ihnen war auch Frau Jozwiak Maria, sie war für uns eine große Hilfe und Erleichterung.
Ich selbst, wenn ich nicht im Sanatorium (TBC) oder im Krankenhaus war, war Dolmetscherin und Übersetzerin für unsere Leute in den deutschen Ämtern, wie dem Sozialamt, Arbeitsamt, Gericht und anderen. Alles das haben wir ohne jegliche Belohnung oder Vergütung getan. Unsere Polen konnten zur jeder Tages- oder Nachtszeit zu uns kommen, wann eine Hilfe oder guter Rat gebraucht wurde. Wir haben auch manche Kinder zur Schule nach England geschickt. Wir haben den Menschen geholfen nach USA, Canada und Australien zu emigrieren.
Es war auch eine Miss Sue Ryder, eine Engländerin, die besonders den Menschen in Gefängnissen half. Sie nahm mich sehr oft als Dolmetscherin mit in ihrem kleinen Auto, weil sie selbst kein Deutsch kannte. Manchmal waren wir stundenlang unterwegs, ohne etwas gegessen zu haben. Diese Miss Ryder hat Herrn Krajewski und mich im Jahr 1955 mit einer polnischen Gruppe aus Hamburg [...] für zwei Wochen nach Dänemark genommen, wo wir Gäste des Dänischen Vereins "Gestapo-fangerne" waren. Ein Jahr später, 1956, hat sie uns nach England gebracht, wo wir als Gäste des Rotary of Carlshaiton in Ewell, Surry, wieder zwei wunderbare Wochen verbrachten. Das waren unsere einzigen, unvergesslichen, wunderbaren und angenehmsten Erlebnisse!
Im Jahr 1956 nach dem Aufstand in Ungarn hatten wir ein Zusammentreffen mit den Ungarn, für welche Herr Krajewski die Ansprache in polnischer Sprache schrieb und die ich ins Deutsche übersetzte. Dies habe ich mit großer Sympathie für die Ungaren vorgelesen, die Ungaren waren sehr gerührt und haben sehr herzlich gedankt.
Vom Juli oder August 1961 war bei uns im Lager eine englische Film-Gruppe "The Cambridge Film Unit", die durch drei Monate einen Film über unser Leben im Lager drehte. Die ganze Gruppe wohnte mit uns in der Baracke. Im November 1961 nach mehreren Monaten der Berlitz-School, wo ich Englisch lernte, habe ich angefangen bei den Engländern im Büro zu arbeiten, beim Britisch Labour Office in Hannover bis März 1964, dann bin ich wieder krank geworden und musste aufhören zu arbeiten. Im März 1962 hatten wir - Ing. Krajewski und ich - geheiratet. In diesem Jahr hat auch mein Mann angefangen bei den Engländer zu arbeiten bis zur seiner Rente und noch ein paar Jahre länger.
Im Herbst 1959 hat Pfr. Fryszkiewicz die Bildkopie der Mutter Gottes von Tschenstochau ins Lager gebracht, am 8. Dezember 1959 wurde das Bild inthronisiert und etwas später haben unsere polnischen hannoverschen Wallfahrten angefangen. In diesen Jahren wurden auch verschiedene DP-Lager liquidiert und so kamen viele unsere Leute zu uns ins Lager. Und in den Jahren 1965-66 wurden für diese Leute die ersten Wohnblocks in Buchholz gebaut. In dieser Zeit war ich auch eine kurze Zeit in München beim Radio "Die Stimme Amerikas", Polnische Abteilung, als Sprecherin beschäftigt, aber wegen meiner Krankheit musste ich aufhören.
Mein Mann und ich, haben 1967 als Letzte das Lager verlassen.




 
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