Forschungs-Neuland:
Geschichte der Zwangsarbeiter vor Vergessen bewahrt
Schüler stellen ihre Forschungen in einer Ausstellung vor

Hannover - Reinhard Tegtmeier-Blanck ist Geschichtslehrer an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Mühlenberg in Hannover, und er bemüht sich um lebendige Formen des Lernens. Vor etwa einem Jahr hatte er daher 25 Oberstufenschülern einen Projektkurs zum Thema "Displaced Persons" angeboten. "Displaced Persons" sind ehemalige Zwangsarbeiter oder auch KZ-Häftlinge, die in Lagern lebten und von den Alliierten nach Kriegsende so benannt wurden. Aus dem Projektkurs ist eine 15-köpfige Arbeitsgruppe entstanden, die eine Ausstellung über das Zwangsarbeiterlager Schierholzstr. 41 in Hannover zusammengestellt hat. Auf 30 großen Tafeln mit dem Titel "Displaced Persons - Ein vergessenes Problem der Nachkriegszeit" sind im Gemeindesaal der katholischen polnischen Mission in Hannover mit einer Spezialfolie Texte, Fotografien und Dokumente geklebt. Beispielsweise sind auf den Tafeln verschiedene Grundrisse des Lagers und Fotos aus den 50er und 60er Jahren zu sehen, aber auch Berichte von Zeitzeugen zu lesen, die sich an das Lagerleben erinnern. "Ich war bei meiner Vorrecherche erstaunt, dass weder das Stadtarchiv noch das Hauptstaatsarchiv irgendwelche speziellen Dokumente über das Lager hatten", erinnert sich Tegtmeier-Blanck. Er habe mit seinen Schülern absolutes Forschungs-Neuland betreten. Das Lager diente im Krieg überwiegend dazu, dem hannoverschen Rüstungsproduzenten Deurag-Nerag Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen, die nach den Bombenangriffen den Rüstungsbetrieb möglichst schnell wieder funktionstüchtig machen sollten. Aus Geheimhaltungsgründen ließ sich daher nicht einmal im Katasteramt in Hannover ein Grundriss finden. Etwa ein Jahr recherchierten die Oberstufenschüler die Geschichte des Lagers, das 1939 erstmals in Dokumenten erwähnt wurde. Sie baten sogar die Universität Cambridge um Unterstützung, weil von dort ein Filmteam das Lager in der Schierholzstraße gefilmt hatte. Die Schüler wurden in ihrer Arbeit von Mitarbeitern der katholischen Mission unterstützt, die Kontakte zu Zeitzeugen vermittelten. Interessanterweise leben heute immer noch einige ehemalige Zwangsarbeiter in der Nähe des Lagers. "Durch Interviews der Schüler gelang es, Einzelheiten über das Lager zu erfahren und an private Fotos zu gelangen", freut sich Tegtmeier-Blanck. Beispielsweise hätten die ehemaligen Zwangsarbeiter über die furchtbare Enge in den Lagern geklagt, indem manche Familien nur einen Raum hatten oder acht Personen auf 30 Quadratmetern leben mussten. Besonders aus den osteuropäischen Staaten hätten dort viele noch bis in die 60er Jahre gelebt, weil sie entweder nicht zurückkonnten oder nicht zurückwollten. Trotz der schwierigen Situation im Lager seien die Bewohner untereinander sehr solidarisch gewesen.
Für die Befragung gab es nur noch wenige Zeitzeugen und die lebten erst ab 1950 im Lager. Die Ausstellung hat daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Aber die Schüler haben dazu beigetragen, dass die Geschichte der Zwangsarbeiter nicht vergessen wird. Und es ist ihnen zu verdanken, dass ein Lager, von dem es keine Überreste mehr gibt, wieder in Erinnerung gerufen wird.
Bei der Ausstellungseröffnung war der Gemeindesaal der Mission voll besetzt. Es kamen Mitarbeiter aus Archiven, ehemalige Zwangsarbeiter und deren Angehörige, Lehrer und Schüler der IGS Mühlenberg und der Pfarrer der polnischen Gemeinde. Für die ehemaligen Zwangsarbeiter ist die Ausstellung auch eine Genugtuung und späte Würdigung ihres Schicksals. Sie reagierten beeindruckt und auch gerührt auf das Engagement von den Schülern und ihrem Geschichtslehrer. Die Abiturientin Franziska Göing hat zu den Zeit-zeugen eine persönliche Beziehung entwickelt. "Und ich bin stolz, etwas erarbeitet und entdeckt zu haben, was nicht in den Geschichtsbüchern steht."
Demnächst wird es zu dem Thema auch noch eine Internetpräsentation und eine Broschüre geben, die vom Großraumverband Hannover und vom Bistum Hildesheim finanziell gefördert wird.
Ingrid Hilgers
Bis Mitte Juni ist die Ausstellung in der polnischen katholischen Mission (Stilleweg 12) zu sehen. Öffnungszeiten sind montags bis freitags von 9.30 bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr, sonntags von 9.30 bis 13.30 Uhr.

KirchenZeitung, Die Woche im Bistum Hildesheim, 26. Mai 2002, S. 17





 
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