Der Fahnenkrieg

Am Sonnabend den 3. März 1973 erscheint das Gedicht „de Fahn“ zum ersten Mal im Jeverschen Wochenblatt:

„Jever. Wie bekannt sein dürfte, strahlte der Norddeutsche Rundfunk im Januar ein Interview zum Thema „ Vertonung plattdeutscher Texte“ aus das E. Christoffers mit Oswald Andrae und Günther Maurischat geführt hatte. Maurischat gab zum Ausdruck, dass sich niederdeutsche Texte schon vom Klang her gut zur Vertonung eigneten. Speziell für niederdeutsche Veranstaltungen hat er inzwischen verschiedene Texte vertont, zuletzt zeitkritische Texte von Oswald Andrae.

Im Rahmen der Sendung „Ein Abend für junge Hörer“ wird sich am 11.3. der Chor des Mariengymnasiums u.a. mit einem Song an der Sendung beteiligen, zu dem Andrae den Text und Maurischat die Musik geschrieben haben.“

De Fahn                                                                              Die Fahne

Ik hebb                                                                                 Ich hab’

mal lehrt                                                                                     `mal gelernt

se weer                                                                                        sie wär’

noch mehr                                                                                   noch mehr

wert                                                                                              wert

as en                                                                                            als ein

Sluck Genever                                                                             Schluck Genever

Well                                                                                             Wer

Den hett,                                                                              den hat,

de hett se,                                                                             der hat sie,

un well                                                                                 und wer

dar to veel                                                                            davon zu viel

van kriggt                                                                             bekommt

de kummt                                                                             dem kommt

dat hoch                                                                                es hoch

 

Diesem Druck im Jeverschen Wochenblatt folgte ein zackiger Leserbrief des Vizeadmirals Topps ( der einst erster Kommandant von Hitlers Schlachtschiff „Tripitz“ war), indem er den eigentlichen Sinn des Gedichtes verschob und die Fahne als Alkoholfahne auslegte. Eine Flut von Leserbriefen folgte. Hier nur ein paar Beispiele:

 

 

06.03.1973  (Jeversches Wochenblatt)

Leserbrief

 

„Betr.: Stellungnahme zu dem angekündigten „Niederdeutschen Song“ von Andrae und Maurischat im NDR!

-Die Fahne-

 

Auch heute noch ist die ein Symbol aller demokratischen Nationen. Selbst die kommunistisch regierten Länder und Staaten haben ihre Fahnen und sie werden als Symbol ihres Landes bzw. Staates gewürdigt.

Es hat in der Bevölkerung insbesondere von Jever Befremden hervorgerufen, dass sich zwei Herren – Herr Andrae und Herr Maurischat zu einer solchen Verunglimpfung herabließen. Beider Herren sind in unserer Stadt wohl bekannt. Daher auch die Anrufe aus der Bevölkerung an die VdS – Ortsgruppe in Jever, in denen Bestürzung darüber zum Ausdruck gebracht wurde, dass mit dem Symbol einer Nation ( als solches ist es in dem Song durch den Satz zu verstehen .“ Ich hab einmal gelernt, sie wär noch mehr wert als ein der Tod“) Eine Parallele zur Alkoholfahne gezogen wird. Wir sind mit unserer Stellungnahme nicht allein, da die Anrufer auch aus anderen Verbänden die Herabwürdigung einer Fahne der Nationen nicht gutheißen. Somit schließt sich unserer Verband dem Leserbrief des Herrn Vizeadmirals a.D. Topp aus seinem Leserbrief vom 05.03. vollinhaltlich an.

 

Der Vorstand

Verband deutsch Soldaten

-          Ortsgruppe Jever – “

 

 

„Leserbrief vom 07.03.1973

 

                                           De Preis (ß)

 

 

Ich hab’                                                              Ik hebb

Einmal gelernt                                                   mal lehrt

Der Oswald                                                        de Oswald

Wär ein Dichter                                                 weer en Dichter

Noch mehr                                                         noch mehr

Wert                                                                   wert

Als andre                                                            as andrae

Denn er bekam                                                  denn he kräg

Ja `nen  Preis                                                      ja`n Preis

Aber ich  scheiß                                                 aber ik schiet

Auf so´n Preis                                                    op so´n Pri(e)s

Bin ja                                                                  Bün ja

Selbst                                                                  sülven

So´n Saupreis                                                     so`n Saupreiß

Wenn solcher                                                     Wenn so een

So was                                                                sowat

Liest                                                                   lest

Dem kommt                                                       de kommt

Es hoch                                                              dat hoch

 

(wird vertont in Fies-Dur oder schiet- Moll) Mit freundlicher Genehmigung des Selbstverlags.

Sendung am 31.04. im Sender „Kanal voll“

Frik Burkhardt (Dralle)“

 

 

Positive Leserbriefe wurden ebenfalls verfasst, doch der Großteil der Bevölkerung von Jever war gegen Andrae gestimmt. Besonders deutlich wurde diese Tatsache dadurch, dass Andrae selbst von seinem Freundes- bzw. Bekanntenkreises gemieden wurde.  So rief u.a. sein Stammtisch zum Boykott von Andrae auf. Darüber hinaus hat  man ihm die Fensterscheiben eingeworfen und er erhielt einen anonymen Drohbrief.

Oswald selbst gab einmal bekannt, dass er „die Fahne“ aufgrund eines Berichtes im Fernsehen geschrieben hätte. In dem Bericht waren Studenten zu sehen, die in Berlin auf einer Demo Fahnen trugen. Dieser Report erinnerte Oswald an den übermäßigen Fahnenkult der NS- Zeit. (aus: „100 Jahre Jeverland“ Brune-Mettcker Verlag, Jever)

Andrae hat sich im Nachhinein sehr kritisch mit dieser Zeit auseinandergesetzt und seine eigenen Fehler in der Zeit eingesehen. Der entscheidende Satz in diesem Zusammenhang, der auch seine ganze Bestürzung über die NS-Zeit ausdrückte war: „Was man alles mit mir machen kann“ .

Oswald Andrae hat sich nicht nur in „de Fahn“ mit seiner Vergangenheit und der Zeit in der er gelebt auseinandergesetzt, sondern auch in vielen anderen Werken. Andrae war einer der wenigen Autoren, der auch seine eigenen Fehler eingesehen hat und sich mit ihnen auseinander setzte. (aus: einem Interview mit Johann Voß aus Wilhelmshaven)