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Er hatte sich als Künstler selbst stilisiert. Das
gehörte mit zu seinem künstlerischen Wesen und Lebensstil. Johann
Heinrich Vogeler war ursprünglich Jugendstilkünstler, das heißt er
war ein Mensch, der nach dem Gesamtkunstwerk strebte. Das merkt man
daran, dass er alles, was künstlerisch zu gestalten war, gestaltet hat,
wie zum Beispiel: Architektur, Glasfenster, Möbel, Kleidung, Gläser,
Stoffe und Teppiche. Ein ganz wichtiger Zweig von Vogelers künstlerischer
Tätigkeit war also das Entwerfen von Gebrauchsgegenständen.
Er erblickte am 12. Dezember 1872 das Licht der Welt in Bremen. Seine
Kindheit verbrachte er in einem sehr stattlichen Haus in der östlichen
Vorstadt Bremens, wo die Familie einen großen Garten besaß, in dem er
häufig spielte. Da sein Vater ein sehr bekannter Eisenhändler in
Bremen war, gehörte die Familie Vogeler eher zu den besseren Kreisen
der Hansestadt. Nach der Schulzeit beschäftigte Heinrich sich immer
mehr mit der Umgebung rund um Bremen und gelangte somit eines Tages auch
nach Worpswede. Sofort war er von der Landschaft begeistert. Nachdem er
seinen Vater davon überzeugt hatte, dass es nicht sinnvoll sei, den
familiären Betrieb zu übernehmen, konnte er sich seinen Wunsch erfüllen,
Kunst zu studieren. Er machte sich auf den Weg nach Düsseldorf um sein
Studium an der dortigen Kunstakademie zu absolvieren. Weil er Probleme
mit einem Professor hatte, unterbrach er 1892 das Studium und reiste mit
ein paar Freunden nach Holland. Vorübergehend hielt er sich als freier
Künstler über Wasser. Als er zurückkam, beendete er sein Studium und
zog 1894/95 nach Worpswede.
Dort schaffte er sehr bald den künstlerischen Durchbruch, kaufte sich
ein altes Bauernhaus und ließ es komplett umbauen. Es wurde als der „Barkenhoff“
berühmt. 1901 heiratete er seine erste Frau Martha Schröder, mit der
er drei Töchter bekam. Im
Ersten Weltkrieg war er als Kriegsfreiwilliger vorwiegend an der
Ostfront eingesetzt, wo er im Auftrag des Generalstabs Zeichnungen vom
Kriegsgebiet anfertigte. Durch die Erfahrungen, die er dort machte,
wurde er zum radikalen Pazifisten. Im Januar 1918 schrieb er einen Brief
an den Kaiser um seine Gefühle gegen den Krieg auszudrücken. Danach
wurde er aus dem Kriegsdienst entlassen und kurzerhand in eine
psychiatrische Anstalt bei Bremen eingewiesen. Nachdem er aus der Klinik
entlassen worden war, radikalisierte er sich weiter politisch. So ließ
er sich im November 1918 beispielsweise in den Arbeiter- und Soldatenrat
des Kreises Osterholz wählen und nahm dort vorübergehend das Amt des
Pressekommissars wahr. 1919 gründete er gemeinsam mit linken
Handwerkern und Intellektuellen die „Arbeitsgemeinschaft Barkenhoff“,
womöglich die erste „Kommune“ Deutschlands, die sich selbst
verwalten und versorgen sollte. Für die freie Erziehung ihrer Kinder gründeten
die Kommunarden die „Arbeitsschule Barkenhoff“.
1923 brachte Sonja Marchlewska, Vogelers spätere zweite Frau,
seinen Sohn Jan zur Welt, zusammen reisten sie Ende des Jahres in die
Sowjetunion. In den vorangegangenen Monaten war die Existenz der Kommune
und der Arbeitsschule durch finanzielle Schwierigkeiten und politische
Meinungsverschiedenheiten in Gefahr geraten. Vogeler fand Rat bei dem
Vater von Sonja, dem polnischen Revolutionär Julian Marchlewski. Dieser
schlug ihm vor, ein Kinderheim auf dem Barkenhoff errichten zu lassen.
Dies würde von der Roten Hilfe Deutschlands finanziert werden. Nach
langem Überlegen willigte Vogeler ein. So entstand Ende 1923 das
Arbeiterkinderheim.
Doch das Heim war ziemlich umstritten, es kam immer wieder zu
Auseinandersetzungen mit den Behörden. 1931 zog Vogeler mit seiner
neuen Familie in die Sowjetunion, wo er den „sozialistischen Aufbau“
im neuen Stil der so genannten „Komplexbilder“ dokumentierte und
propagierte. Nach Deutschland konnte er als entschiedener Antifaschist
nicht mehr zurückkehren, nachdem dort 1933 die Nationalsozialisten die
Macht ergriffen hatten. Da er für seine Frau nur wenig Zeit übrig
hatte, ließ sie sich im März 1941 von ihm scheiden. Nach dem Angriff
Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion ging es steil mit ihm
bergab. Als die deutschen Truppen sich Moskau näherten, wurde er im
September 1941 nach Kasachstan evakuiert. 1942 erreichte ihn dort seine
Rente nicht mehr, so dass er hungerte und erkrankte. Heinrich Vogeler
starb am 14. Juni 1942 an den Folgen akuten Nahrungsmangels.
Heinrich
Vogeler begann 1920 damit, im Barkenhoff Fresken zu malen. Er war mit
dem Malen bis 1925 beschäftigt,
unterbrach seine Arbeiten aber mehrfach. Es wird angenommen, dass er für
die Gestaltung der Fresken ursprünglich keinen festen Plan hatte. Die
Fresken befassen sich mit verschiedenen
Themen:
1. Untergang und Zukunft,
2. Der revolutionäre Kampf der Arbeiter,
3. Die Internationale Rote Hilfe.
Sie
wurden nach Auffassung des Kunsthistorikers Hans Liebau nicht in einem
Stil gemalt, sondern in mehreren Stilarten: a)
expressiv, b) im Jugendstil und c) realistisch. 1926 wollten der
Regierungspräsident zu Stade und speziell der Osterholzer Landrat Dr.
Ferdinand Becker den
Barkenhoff schließen lassen mit der Begründung, dass die Fresken die
Kinder des Barkenhoffs
politisch negativ beeinflussen würden. Das Schreiben Landrat Beckers,
in dem die Schließung des Kinderheims angedroht wurde, erreichte
Heinrich Vogeler 1926 in Moskau. Dieser verteidigte sich in einem Brief
und warf der Behörde vor, sie wolle „Künstlern, die in den Reihen
des Proletariats stehen (...), jeder Lebens- und Schaffensmöglichkeit
(...) berauben.“ In ganz Deutschland protestierten Menschen gegen die
angedrohte Zerstörung der Fresken und die Schließung des Barkenhoffs.
Unter diesen Personen befanden sich berühmte Künstler, Schriftsteller
und Wissenschaftler wie z. B. Käthe
Kollwitz, Max Pechstein und Thomas Mann. Sie hatten Erfolg mit ihren
Protesten. Die Fresken durften bleiben. Zur Zerstörung der Fresken kam
es erst 1938 während der nationalsozialistischen Herrschaft.
Heute gibt es keine Überreste mehr. Die Qualität von erhaltenen Fotos
der Fresken lässt zu wünschen übrig.
Quellen:
Rilke, Liebau, Hackmack, Bresler (1991), Bresler (1996), Q 38, 39 u. 41.
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