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P. Dr. Heinrich Middendorf SCJ - Gerechter unter den Völkern Vortrag von P. Dr. Bernd Bothe SCJ, gehalten am Freitag, dem 18.04.1997 in der Jubiläumsfeier 100 Jahre Heinrich-Middendorf-Realschule Aschendorf um 11.00 Uhr Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Festgäste, I. Einleitung Vergessen führt zur Verbannung. In der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung (Baal Schem Tov). Im Jahre 1995 wurde jener geschichtlichen Zeit gedacht, in der vor 50 Jahren in Deutschland der Zweite Weltkrieg sein Ende fand und mit ihm auch jenes historisch grauenvolle, bösgewollte, einmalige und unvergleichbare Ereignis, das als "Endlösung der Judenfrage" bezeichnet wurde und später unter dem Stichwort "Schoa/Unheil" oder "Holocaust/Opfer" in die Nachkriegsgeschichte eingegangen ist. Wiederum starrten Menschen unserer Tage zurück auf jene blutige Spur, die sich durch die Länder zivilisierter Völker und Staaten zog, und fragten sich: "Wie konnte so etwas geschehen?" Wiederum gab es viele Antworten und doch keine Antwort. Umso wichtiger ist es, dass jene Menschen nicht übersehen werden, die wie Hoffnungsträger durch die Schreckenszeit gingen und selbstlos ihr Leben einsetzten, um Leben zu retten. Zu ihnen gehören jene inzwischen etwa 11.300 "Gerechte unter den Völkern", Nicht-Juden, die ihre jüdischen Schwestern und Brüder zu retten versuchten und dafür an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem in Jerusalem geehrt wurden. Von ihnen sind nur etwa 300 Deutsche, von denen Gustav Trampe in seinem 1995 herausgegebenen Buch "Menschlichkeit in unmenschlicher Zeit" mit Bedauern feststellt: "Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind ihre Namen - auch die der deutschen Helfer - bei uns so gut wie unbekannt. Nach kaum einem ist in Deutschland eine Straße benannt, nur wenige wurden für ihre Hilfe ausgezeichnet." Der Grund besteht nicht zuletzt darin, dass es sich um unscheinbare und gesellschaftlich bedeutungslose Menschen handelte. Unter den 300 Deutschen befindet sich seit neuestem auch ein Ordenspriester, dem der Titel "Gerechter unter den Völkern" verliehen wurde, genauer: der erste deutsche katholische Priester, der 50 Jahre nach den Ereignissen diese Auszeichnung erhielt. Auch seine Person war bisher unauffällig und öffentlich unbekannt: Heinrich Middendorf. Wir sind hier zusammengekommen, um zwei Ereignisse festlich zu begehen, einmal das hundertjährige Jubiläum der Realschule Aschendorf, und zweitens die Namensgebung der Schule, die zu Ehren dieses ihres früheren Schülers den Namen "Heinrich-Middendorf-Realschule Aschendorf" erhalten wird. II. Die rettende Tat Pater Dr. Heinrich Middendorf SCJ war von 1938 bis 1946 Rektor der Ordensniederlassung der Herz-Jesu-Priester, dem heutigen Gymnasium "Kolleg St. Sebastian", in Stegen, das, etwa 10 km von Freiburg entfernt, schwarzwaldeinwärts im Dreisamtal liegt. Die damalige Klostergemeinschaft bestand aus rund 20 Herz-Jesu-Priestern, 12 Ordensbrüdern und 8 Patres, und drei Dominikanerinnen. Im Laufe der Kriegszeit füllte sich das Haus mit immer mehr Menschen, die dort auf dem Lande vor der Kriegsgefahr Zuflucht suchten. Pater Middendorf nahm alle auf, die in Not waren: zwei ausgebombte Familien aus Düsseldorf mit zusammen 12 Personen und im Rahmen der Kinderlandverschickung (KLV) ab 1943 ein "Hagener Katholisches Waisenhaus", meistens "Schutzengelkinderheim" genannt, mit etwa 75 Waisenkindern aus Hagen-Eilpe in Westfalen, dazu zum Schutze 19 Kinder aus Hagener Familien, die den Waisenkindern angeschlossen wurden. Betreut wurde diese große Schar von acht Vinzentinerinnen aus Paderborn sowie von weiteren Lehrern und Erzieherinnen. Zu ihnen gehörte auch ein linientreuer Nazionalsozialist, Lehrer Friedrich Abel, der von der staatlichen Behörde eigens zur Kontrolle nach Stegen geschickt worden war. Da noch weitere Einzelpersonen hinzukamen, weilten in den letzten Kriegsjahren rund 150 Personen auf dem Gelände des Klosters. Nach der Bombardierung Freiburgs am 27. November 1944 wurde eine weitere Gruppe von Personen aufgenommen. Zu ihnen gehörte auch Grete Borgmann, die Frau des Hauptschriftleiters der Caritas, Dr. Karl Borgmann, mit ihren vier Kindern. Ansonsten bildeten die Freiburger Ausgebombten eine zwielichtige Gruppe, die aus Nazifreunden und Nazigegnern, Deutschen und Ausländern bestand und das letzte halbe Kriegsjahr ebenfalls auf dem Klostergelände lebte und überlebte. Vielleicht war dieses Menschengemenge sogar günstig, um unter ihm Menschen jüdischer Abstammung zu verstecken, weil niemand sie dort vermutete. Zu ihnen gehörte eine Jüdin namens Lotte Paepcke geb. Mayer aus Freiburg, die Frau des Literaturhistorikers Dr. Ernst August Paepcke. Das Ehepaar hatte einen Sohn Peter, und deshalb galt ihre Ehe zunächst als privilegierte Mischehe, die vor einer Deportation schützte. In ihrem Buch "Unter einem fremden Stern" hat die Schriftstellerin ihr von den Nazis durch Deutschland gehetztes Lebens bis hin zu ihrer Stegener Zeit beschrieben. Nach der Wannseekonferenz tauchte sie unter, floh mit ihrem Sohn nach Freiburg und wurde durch die Vermittlung von Grete Borgmann mit Pater Middendorf bekannt gemacht. Er ließ sie mit ihrem Sohn aus dem zerstörten Freiburg nach Stegen holen. Dort arbeitete sie getarnt als Gärtnerin, während ihr Sohn unter den Waisenkindern versteckt wurde. Schon Mitte 1944 wurde die Jüdin Irmgard Giessler, die Frau des Journalisten Dr. Rupert Giessler, mit ihrer Tochter Ursula in Stegen aufgenommen. Gerhard Zacharias, Sohn des Katholiken Ludwig Zacharias und seiner jüdischen Frau Helene geb. Heymann aus Braunschweig, wurde von der Gestapo verfolgt und tauchte unter. Er kam in den Schwarzwald, freundete sich mit der Familie Giessler an und fand ebenfalls schließlich im Kloster Aufnahme. Auch unter den Waisenkindern ließen sich jüdische Kinder verstecken. Zu ihnen gehörten Dieter und Eva Bachenheimer, Kinder des Juden Max Bachenheimer und seiner katholischen Frau Hildegard geb. Seckler aus Hüsten im Sauerland. Die Mutter hatte die Kinder eigens im Schutzengelkinderheim in Hagen-Eilpe untergebracht, um sie zu schützen. Mit dem Heim kamen sie nach Stegen. Ehemalige Stegener nannten als zwei weitere Menschen angeblich jüdischer Abstammung ein Geschwisterpaar, Helga und Heinz-Kasimir Karmiol, die gleichfalls zum Kinderheim gehörten. Nachforschungen ergaben, dass Heinz Kasimir Karmiol verstorben ist. Seine Schwester Helga, die später heiratete und unter anderem Namen im Ruhrgebiet lebt, hat bisher jegliche Kontaktaufnahme abgelehnt, da sie, wie sie mitteilen ließ, an die frühere Zeit nicht mehr erinnert werden wolle. Damit hat Pater Middendorf sieben, wenn nicht gar neun Menschen jüdischer Herkunft im Stegener Kloster aufgenommen und dort bis zum Kriegsende versteckt: Lotte Paepcke und ihren Sohn Peter, Irmgard Giessler und ihre Tochter Ursula, Dr. Gerhard Zacharias, Dieter Bachenheimer und Eva Zwingmann geb. Bachenheimer. Alle noch lebenden Personen jüdischer Abstammung sind Zeugen der Rettungsaktion Pater Middendorfs. III. Leben Kurz zum Leben: Heinrich Middendorf wurde am 31. August 1898 als Sohn des Schuhmachers Heinrich Middendorf und seiner Ehefrau Maria geb. Jaske in Aschendorf geboren. Er besuchte in seinem Heimatort zunächst die Volksschule und ab dem 11. Lebensjahr von 1909-1912 die damalige Rektoratschule. Sie war eine katholische Schule, die aber, wie Fotos und Schülerverzeichnisse bezeugen, auch jüdischen Schülern offen stand. Die weitere Ausbildung empfing Heinrich Middendorf in den Ordenshäusern der Herz-Jesu-Priester. Er band sich am 5. Oktober 1917 durch die drei Ordensgelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams an die Ordensgemeinschaft und wurde am 17. März 1923 in Limburg zum Priester geweiht. Als Neupriester hatte er den Auftrag, sich auf die Ausbildung der ordenseigenen Theologiestudenten vorzubereiten. Er studierte Theologie in Innsbruck, Berlin und Freiburg und schloss seine Studien mit der Promotion in den Bibelwissenschaften ab. Der Titel seiner Doktorarbeit lautete: "Gott sieht. Eine terminologische Studie über das Schauen Gottes im Alten Testament" (1935). In seiner Rektoratszeit in Stegen von 1938-1946 ereigneten sich jene Menschenschicksale, von denen oben die Rede war. Nach dem Weltkrieg berief die Generalleitung der Herz-Jesu-Priester 1949 Pater Middendorf als Generalrat nach Rom. Nach dem Ende seiner Amtszeit war er von 1956 an 14 Jahre als Missionar in Zaire und betreute die Missionsstation Legu in der Diözese Wamba. 1972 kam er zum Heimaturlaub nach Deutschland. Er erkrankte hier in Aschendorf und erlag im Osnabrücker Marienhospital am 10. August 1972 einem Herz- und Kreislaufversagen. Er starb in den Sielen, oder wie es auf dem Totenzettel heißt: "In der Morgenfrühe des 10 August 1972 rief Gott ihn unerwartet schnell mitten aus all seinen Sorgen und Plänen für seine Missionsstation in Zaire zu sich in die Ewigkeit." Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof des Herz-Jesu-Klosters in Handrup (bei Lengerich im Landkreis Emsland). IV. Die Ehrung: "Gerechter unter den Völkern" 1993 stellte Dr. Peter Paepcke zusammen mit seiner Mutter Lotte Paepcke und unterstützt von Ursula Giessler und von Dieter und Eva Bachenheimer bei den zuständigen jüdischen Behörden der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem den Antrag, auch Pater Middendorf in Yad Vaschem zu ehren. Mit Datum vom 1. November 1994 erhielten die Antragsteller einen Brief folgenden Inhalts: "Yad Vaschem, Amt zum Gedächtnis an die Märtyrer und Helden des Holocaust. Betrifft: Pater Heinrich Middendorf, Deutschland. Wir freuen uns, mitteilen zu können, dass der obigen Person der Titel 'Gerechter unter den Völkern' verliehen wurde für Juden während der Zeit des Holocaust geleistete Hilfe. Der oben Genannte (oder dessen nächster Verwandter) hat Anspruch auf eine Medaille und eine Ehrenurkunde; ebenso wird sein Name auf der Ehrenwand der Gerechten in Yad Vaschem eingetragen. Dr. Mordecai Paldiel, Abteilungsleiter für die Verleihung des Titels 'Gerechter unter den Völkern'." Die Ehrung eines Nicht-Juden in Yad Vaschen verläuft in drei Schritten. Der erste Schritt besteht in dem Beschluss der Jerusalemer Behörde, jemanden wegen seiner Verdienste zu ehren. Dieser Beschluss wurde am 11. September 1994 gefasst und im obigen Schreiben mit Datum vom 1. November 1994 mitgeteilt. Der zweite Schritt fand am 24. Mai 1995 am Kolleg St. Sebastian in Stegen statt. In einer Feierstunde übergab der Gesandte der Botschaft des Staates Israel, Avraham Benjamin, Medaille und Urkunde an die Herz-Jesu-Priester. Dabei würdigte der Gesandte den Geehrten unter anderem mit folgenden Worten: "Pater Middendorf war ein katholischer Priester, der das ewige Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams abgelegt hat. Er hat sich unter der Nazi-Diktatur trotz Bedrohung, der auch die Kirche ausgesetzt war, nie in die Irre führen lassen, nie vom richtigen Weg ablenken lassen, sondern sich von seinem reinen Glauben an Gott und die Menschen und von seinem Gehorsam gegenüber Gottes Gebote leiten lassen. Im babylonischen Talmud wird im Namen des 'amora', des Lehrers Abbaye, überliefert, dass in jeder Generation 36 Gerechte oder Heilige unter den Völkern leben. Sie leben unbekannt und von ihren Mitmenschen unbemerkt. Nur in Zeiten der äußersten Not und der größten Gefahr tritt das Wirken dieser Menschen in Erscheinung, indem die Bedrohung abgewandt wird. Und dann kehren sie wieder in ihre Anonymität zurück. - Ich glaube, wir können Pater Middendorf als einen von diesen mystischen, heilbringenden Gerechten betrachten, ohne die - so die Legende des Talmud - die Welt nicht bestehen kann." Anlässlich der Feierstunde sprach auch derjenige, der sich vor allem für die Ehrung Pater Middendorfs eingesetzt hatte, Dr. Peter Paepcke. Er appellierte mit bewegenden und überzeugenden Worten an die Jugend, sich der Ungeheuerlichkeit des Holocaust bewusst zu werden und in ihrem Leben alles zu tun, damit ein solches Ereignis nie wieder Wirklichkeit werde. Sein letzter Satz lautete: "Ich freue mich, dass ich diesen Tag noch erleben durfte." Erst nach der Feier wurde bekannt, was ihm dieser Satz bedeutete. Dr. Paepcke war zu der Zeit schon schwer erkrankt. Er besuchte Stegen noch einmal am 7. Juni 1995, nahm Abschied von der Heimat seiner Kindheit und starb am 25. Juni 1995 in Karlsruhe. Der dritte Akt der Ehrung Pater Middendorfs fand am 19. Oktober 1995 an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem in Jerusalem statt. Eine Gruppe von 14 Stegener Ehemaligen nahm an der Feier teil. Dr. Mordecai Paldiel führte die Gruppe zur Gedenkwand. Nach einer Würdigung des Geehrten wurde eine mit einem blau-weißen Tuch, den Farben des Staates Israel, verdeckte Steintafel von Dieter Bachenheimer und Eva Zwingmann enthüllt. Auf der Tafel stand in hebräisch und englisch: Father Heinrich Middendorf, Germany. Soweit zur Ehrung Pater Middendorfs durch den Staat Israel. Dies alles, nämlich die Rettung, das Leben und die Ehrung seien hier nur kurz mitgeteilt, da zum heutigen Festtag eine Schrift angeboten wird, in der darüber ausführlicher berichtet wird. V. Anmerkungen zum Hintergrund Warum eigentlich forscht man 50 Jahre nach den damaligen, schon längst Vergangenheit gewordenen Ereignissen über die Lebensschicksale von Menschen aus einer anderen Zeit? Weil nach einem Wort von Baal Schem Tov, dem Gründer des Chassidismus, die Erinnerung das Geheimnis der Erlösung ist, vor allem die Erinnerung an bedrängte Menschen und an schwere Zeiten. Eine persönliche Erinnerung mag mit dazu beigetragen haben: Es war um das Jahr 1941. Als etwa fünfjähriger Junge lebte ich bei meinen Großeltern in Barßel, im Norden des Landkreises Cloppenburg, nicht weit von hier entfernt. Eines Tages stand ich mit meiner Großmutter und meiner Tante neben unserem Haus. Wir schauten auf die etwa 20 m entfernte Straße. Dort wurden auf Ackerwagen Judenmöbel vorbeigefahren. Wer wollte, konnte sich davon nehmen. Ich meine mich zu erinnern, dass die Möbel umsonst abgegeben wurden. Meine Großmutter sagte zur Tante (auf Plattdeutsch): "Dorvan nähme wie nix; de bringet se ale ümme" (Davon nehmen wir nichts; die bringen sie alle um). Ob meine Großmutter es wusste oder ahnte? Das weiß ich nicht mehr. Aber auf mich machten diese Worte einen unauslöschlichen Eindruck, und ich spürte, dass sich hinter diesem Geschehen Schreckliches verbarg. Ich wusste nicht, was Juden waren; aber ich ahnte, dass es Menschen in großer Not waren. Menschen in Not, - das war auch der entscheidende Beweggrund Pater Middendorfs, der für sich und zusammen mit seinen Mitbrüdern und Ordensschwestern wie auch anderen Personen, die darüber unterrichtet waren, in Stegen viel gewagt hat. Das Motiv für seine Menschlichkeit hatte er von Kindheit an empfangen aus eben jenem Humanitätsgedanken, der zum erstenmal in Israel als dem Volk Gottes, niedergelegt in den Heiligen Schriften, ersonnen bzw. geoffenbart wurde und durch die Vermittlung des Christentums zur ethischen Grundlage der Menschheit geworden ist. Man kann ihn aufschlüsseln nach den Stichworten: Lebensheiligkeit oder Recht auf Leben, Lebensschutz für alle Menschen, auch für Kinder und Alte, Kranke und Behinderte, Liebes- und Gerechtigkeitsgebot, Erbarmen, Mitleid, Nachsicht, Gleichheit aller Menschen, Abkehr von allem Rassismus, Versöhnung und Frieden. Dieser Humanitätsgedanke findet schon im AT seinen Ausdruck im Gebot: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr (Lev 19,18), - eine ethische Richtlinie, die Jesus von Nazareth nochmals erweitert in dem Gebot: Liebet eure Feinde (Mt 5,44). Heinrich Middendorf hat sowohl in seinem christlichen Elternhaus als auch auf der Rektoratsschule jenen aus der jüdisch-christlichen Tradition überkommenen Humanitätsgedanken gelernt und gelebt. In seiner Doktorarbeit "Gott sieht" spricht er von dem lebendigen, menschenfreundlichen Gott, dessen Lebensblick Leben, Gnade und Schutz gewährt: "Die Gottheit ist dort (bei Hagar und Ismael) erschienen, sie hat Leben gespendet durch die Quelle, aber auch ihr Blick schenkt der Seele neue Labung" (35, vgl. S. 34-37). Es ist der Humanitätsgedanke, der sich in den Menschenrechten und Menschenpflichten konkretisierte. Diese "Tafeln vom Berge Sinai", wie Hitler sie abwertend nannte, sollten mit der Ermordung der Juden aus der Geschichte der Menschheit verschwinden. Dieser Humanitätsgedanke wurde nach dem Weltkrieg durch die Initiative des Juden Raphael Lemkin 1948 von der Uno zur Grundlage der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte", wo es heißt: "Jedermann hat das Recht auf Leben, Freiheit und persönliche Sicherheit." Das hat Pater Middendorf in seinem Leben verwirklicht. Nach der Zeit des NS-Staates gab es in Deutschland nicht mehr viele Orte und Stätten, an denen man als Deutscher hätte mit Würde stehen können. An Pater Middendorf erinnern in unserem Vaterland drei Stätten, die mit seiner Person verbunden waren und bleiben: Stegen, wo er die jüdische und christliche Humanität vorlebte, Handrup, wo sein Grab seit dem vergangenen Jahr auf einer neuen Grabplatte den Titel "Gerechter unter den Völkern" trägt, und seine Heimat Aschendorf, wo seine frühere Schule nun nach ihm den Namen "Heinrich-Middendorf-Realschule Aschendorf" erhält. An diesen Orten sowie vor der Gedenkwand der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem in Jerusalem, wo er als erster katholischer deutscher Priester geehrt wurde und eine Ehrentafel seinen Namen verewigt, - dort möge es nach dem Holocaust auch einem Deutschen erlaubt sein, in Würde zu stehen, weil Pater Middendorf unserem sowohl schuldig gewordenen wie auch geschändeten Volk etwas von seiner Würde zurückzugeben vermag. VI. Das Geschenk Wir vom "Freundeskreis Pater Middendorf" haben uns zum heutigen Schuljubiläum auch ein Geschenk überlegt. Am 15. März dieses Jahres fand in Stegen ein Treffen besonderer Art statt. Ehemalige Stegener trafen sich mit jenen Alt-Stegenern, die sie während des Krieges kennen gelernt hatten. Es kamen rund 50 Personen zusammen, und viele sahen sich nach über 50 Jahren zum erstenmal wieder. In dem Gottesdienst zu Ehren der seligen Edith Stein, mit dem dieses Treffen begann, wurde der Vorschlag gemacht, für eine Pyramide zu sammeln und sie im Namen der Teilnehmer dieser Begegnung der Heinrich-Middendorf-Realschule Aschendorf als Jubiläumsgeschenk zu überreichen. Die Pyramide wurde ersonnen von Wilfried Buß, der früher als Waisenkind in Stegen war. Sie trägt die Inschrift "Friede" in drei Sprachen: Pax, Schalom, Salam. Sie lässt sich so deuten: Die "drei" ist bei vielen Völkern eine heilige Zahl. Sie erinnert uns an die drei monotheistischen Religionen, die aufgefordert werden, in Frieden miteinander zu leben. Für das Christentum weist die "drei" hin auf das Bild des dreieinigen Gottes. Auch in Sitte und Brauchtum bis hin zu Sprichwörtern spielt die drei eine Rolle: Aller guten Dinge sind drei; oder: Tres faciunt collegium (drei Personen bilden eine Gruppe), wie es in der Familie von Vater, Mutter und Kind als Kernzelle aller Gemeinschaft und Abbild des göttlichen Urbildes deutlich wird. Oder denken wir an den Davidsstern, der aus zwei gleichseitigen, symmetrisch ineinander verwobenen Dreiecken besteht. Er wurde, als Schandzeichen bei der Judenvernichtung missbraucht, später zum Flaggenzeichen des Staates Israel, - ein Zeichen der Gemeinschaft für alle Juden auf Erden. So ist die Zahl drei allgemein ein Spiegelbild kosmischer und menschlicher Ordnung. Zum heutigen Tage möge die Pyramide als Idee von mitmenschlicher Harmonie mit dem dreifachen Frieden den Wunsch zum Ausdruck bringen gerade an Euch, Ihr Jugendlichen dieser Schule, die Ihr in ein neues Jahrhundert und neues Jahrtausend hineinlebt. Möget Ihr Euren Beitrag dazu leisten, dass mit dem kommenden Jahrhundert endlich einmal wenigstens für unser Volk im Rahmen der Völker Europas eine friedliche Zeit auf uns zukomme. Ich danke dem Lehrerkollegium, das unter der Leitung ihrer Rektorin, Frau Marita Niehoff, den Vorschlag von Lehrer Paul Thoben aufgenommen hat, die Schule nach Heinrich Middendorf zu benennen, der als "Gerechter unter den Völkern" ein würdiges Vorbild für die Jugend der Schule sein kann. Ich übergebe hiermit Ihnen, Frau Rektorin Niehoff, die Pyramide. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
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