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FLÜCHTLINGE IN
MUNSTER
Nach Wilhelm Wolter, Munster, Faßberg 1972, S. 187 ff. Aufbau
nach 1945 Das
Neubeginnen nach 5,5 Jahren grauenvollen Völkermordens gestaltete sich für
Munster wegen des gewaltigen Zustroms von Flüchtlingen aus den Ostgebieten,
wegen der Beschlagnahme vieler Häuser, Wohnungen und Gaststätten durch die
Besatzungsmacht, wegen der allgemein schlechten Ernährungslage und der
unzureichenden Versorgung mit Konsumgütern aller Art und wegen des Ausfalls der
Wehrmacht als wichtigsten Wirtschaftsfaktor Munsters äußerst schwierig. In
das Lager — zunächst in das Nebellager-Breloh — waren inzwischen Truppen
der Engländer eingezogen, Da
in den ersten Monaten nach dem Kriege sich niemand um die Lagergebäude, die
Einrichtungen. Anlagen, Vorräte und Güter kümmerte, suchte die Bevölkerung
vor der Zerstörung oder der Inbesitznahme durch die Engländer noch zu retten,
was zu retten war, und holte sich vielfach alles das, was sie so lange Jahre
entbehrt hatte und womit sie
mangelhaft versorgt worden war. Lebensmittel waren besonders gefragt. In einigen
Hallen lagen zahlreiche Fallschirme, deren Seide gut zu Bekleidungsstücken
verarbeitet werden konnte. Noch Jahre danach sah man im Ort Blusen, Röcke, Schürzen,
Tücher, Vorhänge aus roter und weißer Fallschirmseide. Leider konnten nicht
alle Vorräte auf diese Weise nutzbar gemacht werden, denn große noch gefüllte
Hallen wurden, vor allem von den Polen, in Brand gesetzt, so daß damals
kostbare Güter in Flammen aufgingen. Als
der Kriegsschauplatz sich in den letzten Kriegsmonaten in die deutschen
Ost-Provinzen verlagerte, Viele
trostreiche und aufmunternde Worte waren nötig. Etwa 2000 zogen täglich durch
Munster. Im Monat März 1945 waren es allein 65 000 Personen, die hier
auf dem Durchzug Fürsorge und Pflege erhielten; dazu waren noch 20 000 Pferde
zu verpflegen. Viele der Flüchtlinge blieben in Munster und in den umliegenden Solange
der Krieg dauerte, war das Zusammenrücken natürlich kein Problem. Es wurde
aber eins, sobald langsam wieder normales Leben einzuziehen begann, es mußte
unweigerlich zu Konflikten und unerträglichen Zuständen führen. Woher sollten
für die vielen Menschen Wohnungen und Arbeitsplätze kommen? Und
wie sollten sie mit allem Notwendigen versorgt werden? Zu den etwa 4000
Einwohnern waren jetzt über 4500 neue Bürger hinzugekommen. An Wohnungsbau war
nicht zu denken: so hatte die Gemeindeverwaltung mehr als genug zu tun, für
Ausgleich zu sorgen oder leerstehende Baracken im Lagerbereich zu bekommen und Je
mehr sich die Zeit der Entlassungen dem Ende zuneigte, desto schlechter sah es
auf dem Arbeitsmarkt in Munster aus. Es wurde leer und still in den Lägern.
Andere Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten waren nur beschränkt
vorhanden. Die Arbeitslosenzahlen sprangen erschreckend hoch hinauf. Im Juli
1949, also mitten in der arbeitsreichsten Zeit des Jahres, erschienen schon 1183
Arbeitslose bei der Stempelstelle im Waldkater, 1950 waren es 1500 und 1951
gar 1661. Damit war etwa jeder vierte männliche Einwohner arbeitslos. Viele von
ihnen suchten nun zusätzlich etwas zu verdienen, um die kärgliche Unterstützung
ein wenig aufzubessern. Beliebt
war das Schrottsammeln. Trotz Verbots fanden sich immer wieder Männer und auch
Kinder, die die Übungsplätze nach Blindgängern, Sprengkörpern und anderen
Eisen- und NE-Metallteilen absuchten. Leider mußten dabei mehrere Personen,
darunter ein Kind, das Leben lassen, andere, auch zwei Kinder, wurden Wer
es verstand, legte sich einen „Bauchaden“
zu, jedenfalls Der
Schwarzmarkthandel, der in den Lagern in einer Art Zigarettenwährung
schwungvoll blühte, nahm nach der Währungsreform (21. Juni 1948) ein ziemlich
rasches Ende, da alle Dinge, die begehrt waren, langsam wieder in den
Schaufenstern und den Geschäften zu normalen Preisen erschienen. Damit hörte
manch ein Nebengeschäft
wieder auf. Nun fehlte es aber nicht an Anstrengungen, den vielen Arbeitslosen
wieder geregelte Arbeit zu verschaffen. Unternehmungsfreudige, wagemutige und
auch verantwortungsbewußte Einwohner gründeten Gewerbebetriebe, um Arbeitsplätze
bereitzustellen und den Notstand in Munster überwinden zu helfen. Diese
Betriebe mußten aber, wenn sie lebensfähig bleiben wollten, sich nicht nur auf
die Wirtschaft des Ortes allein einstellen, deren Markt doch nur begrenzt
aufnahmefähig war, sondern auch auswärtige Absatzgebiete suchen und erschließen.
Dessen waren sich leider nicht alle bewußt. Welche Betriebe es im Orte gab, ist
aus der folgenden Übersicht des Jahres 1949 zu erkennen: 29
Schneider, 21 Gemischtwarenhändler. 13 Gastwirtschaften, 12 Handelsvertreter,
12 Fuhrunternehmer, Im ganzen waren es 258 Gewerbebetriebe. Viele von ihnen wußten sich nicht den veränderten Umständen anzupassen und stellten ihre Tätigkeit bald wieder ein (siehe auch unter „Wirtschaftsleben“). Die
Gemeindeverwaltung blieb natürlich nicht untätig, sie versuchte immer wieder
Mittel und Wege zu finden, um Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen und um Betriebe
und Industrien nach hier zu ziehen. Es wurde sogar ein Industrieausschuß
gebildet und eingesetzt, dessen Aufgabe es war, Verbindungen nach allen Seiten
aufzunehmen alle Wege für eine Ansiedlung zu ebnen. Leider scheiterten die
Versuche vielfach an der Mut
und Elan ein paar Probleme an, die keinen weiteren Aufschub vertrugen und
dringend einer Lösung bedurften, es waren die Wohnungsfrage. der Straßenbau
und die Behebung der Schulraumnot. Die
Lösung der Wohnungsfrage wurde immer brennender. Nach unermüdlichen Bemühungen
glückte es der Gemeindeverwaltung, das D-Lager für Wohnraumschaffung
freizubekommen und 1949 mit Hilfe von Landeszuschüssen und eigenen
Mitteln so auszubauen, dass kurz darauf schon die ersten Flüchtlingsfamilien,
die das R-Lagerräumen mussten, hier einziehen konnten. Um dem neuen Wohngebiet
den Charakter eines Lagers zu nehmen, suchte jede Familie nicht nur den eigenen
Baracken, sondern auch dem Ganzen durch kleine Gärten einen persönlichen Zug
und freundlichen Anblick zu geben. Nach einem Flurnamen erhielt die Siedlung die Als dann Anfang 1950 weitere Lager (A-. B-. E-. F-. H-. K 1 und das Ukrainerlager DP) für Wohn- und Industriezwecke freigegeben wurden, musste man leider feststellen, dass die meisten Holzbaracken unbrauchbar geworden waren und nur noch als Abbruch verkauft werden konnten. Die Nissenhütten fielen nicht darunter, da sie den Engländern gehörten. Zu den freigestellten Gebäuden zählte auch das Lagerkino, das seitdem als Wasserturm - Lichtspiele (Wali) den Einwohnern zugänglich gemacht wurde, später aber der Erweiterung des Lagers zum Opfer fiel. Es gehörte auch die DRK 1 (Doppel-Kompanie-Baracke 1) dazu, die spätere alte Freudenthalschule. |