Kriegsspiele vor dem Ersten Weltkrieg

 

Am 22. März 1903 herrschte in Peters`schen Saale in  Lilienthal ein großes Treiben, da etwa 1000 Kinder aus der gesamten Umgebung mit ihren Lehrern zu einer großen Schulvorstellung angereist waren. Es wurde an den gewonnenen deutsch-französischen Krieg von 1870/71 erinnert. Dies geschah in Form einer Nachstellung beider Armeen in voller Ausrüstung. Dieses Spektakel wurde mit Hintergrundmusik, Bildern aus dem Krieg und glorreichen Reden, die zu Tränen rührten, unterstrichen. Mit dieser Veranstaltung sollten die Kinder und Jugendlichen für den Krieg begeistert werden.

In den letzten zwei Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurden im Kreis Osterholz große „Kriegsspiele“ mit Kindern und Jugendlichen durchgeführt, die von Erwachsenen geplant und angeleitet wurden.

In Hülseberg fand am 18. August 1912 eines der größten und spektakulärsten „Geländespiele“, wie die Kriegsspiele auch genannt wurden, statt. Gegen Mittag strömten Kinder und Jugendliche aus allen näher gelegenen Ortschaften nach Hülseberg, damit sie an diesem Spiel teilnehmen konnten. Die blaue Partei, deren Mannschaft aus Osterholz, Ritterhude, Buschhausen, Scharmbeckstotel und Werschenrege stammte, musste sich gegen die gelbe Partei behaupten. Diese wurde aus Scharmbeckern und Teilnehmern aus den nordwestlich von Scharmbeck gelegenen Ortschaften gebildet. Insgesamt waren ungefähr 300 „Mann“ im Einsatz. Die beiden Parteien gerieten erst nach mehreren Stunden aneinander, nachdem ihre Späher zuvor die Gegner auskundschaftet hatten. Der Kampf fand zunächst an der Chaussee Garlstedt-Hülseberg und zuletzt in Hülseberg statt. Abschließend wurden auf einer Wiese Turnspiele durchgeführt, um den zahlreichen Zuschauern noch etwas zu bieten. Vier Tage später wurde das Ergebnis des Spiels bekannt gegeben. In dem Bericht hieß es, dass  „ein endgültige Urteil über Sieg und Niederlage von der Oberleitung nicht gefällt werden“ könne, „da auf beiden Seiten die Kampfregeln nicht genügend beachtet wurden“.

Nachdem das Kriegsspiel 1912 „erfolgreich“ verlaufen war, wiederholte man es am 14. September 1913 in Worpswede in noch größerem Rahmen. Auch hier wurden die beiden Gegner zur Unterscheidung als blaue und gelbe Partei bezeichnet. Dieses Geländespiel lief ähnlich ab wie das Spiel ein Jahr zuvor in Hülseberg. Die Parteien wurden von Erwachsenen angeführt, die in der Region etwas darstellten. Die blaue Partei, die aus Kindern und Jugendlichen der nördlich der Hamme gelegenen Ortschaften bestand, stand unter der Führung von Herrn Rektor Johann Paasch aus Osterholz. Die Führung der gelben Partei, die aus Kindern und Jugendlichen des ehemaligen Amts Lilienthal südlich der Hamme gebildet wurde, übernahm Professor Fritz Mackensen, der Gründer der Worpsweder Künstlerkolonie.

Das Spiel hatte wie in Hülseberg keinen Sieger. „Aber das ist hier auch nicht Zweck solcher Geländespiele. Die Hauptsache ist, dass alle Beteiligten und insbesondere unsere lieben Jungen, mit größtem Eifer und sichtlicher Freude ihre Aufgabe erfüllten und sich alle Mühe gaben, zum Gelingen des Ganzen beizutragen“, so das „Kreisblatt für den Kreis Osterholz“ am 15. September 1913. Außerdem sollen diese Veranstaltungen zur Förderung der Jugendpflege erfreulich beigetragen haben. Insgesamt waren dieses Mal 800 bis 900 Kinder und Jugendliche beteiligt. Für die Teilnehmer aus den Ortschaften nördlich der Hamme hatte man einen Sonderzug der Kleinbahn bereitgestellt, und die Ritterhuder Kinder wurden per Motorboot auf der Hamme befördert.

Von den Sozialdemokraten wurde scharfe Kritik an den Kriegsspielen geübt, da sie der Kriegshetze dienten und für den normalen Arbeiter genauso „wertlos“ seien wie z. B. der Religionsunterricht. Außerdem wurden die Arbeiter dazu aufgefordert, ihre Kinder lieber in Arbeitersportvereine und zu den sozialdemokratischen Jugendausschüssen zu schicken.

Nach dem Geländespiel in Worpswede kam kein weiteres Kriegsspiel mehr zustande, da im August 1914 der Erste Weltkrieg begonnen hatte.

 

Quellen:  Q  9 , 10, 13 –15, 27 – 32.          

 

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