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Gedenkfeier
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Schüler wollen "Kurt-Albrecht-Weg" Gedenkfeier für 17-jährigen
Fahnenflüchtigen / Deserteur Ludwig Baumann schilderte eigene Erlebnisse OSTERHOLZ-SCHARMBECK. Gestern jährte sich die Hinrichtung des Deserteurs Kurt Albrecht zum 60. Mal (wir berichteten). Der Marineinfanterist wurde am 28. April 1945 auf dem Osterholzer Schützenplatz erschossen. Der zwölfte Jahrgang der Berufsbildenden Schulen erinnerte an diesem Tag mit einer Gedenkveranstaltung an den Tod des damals 17-Jährigen. Um ihn zu ehren, wollen sie einen Weg nach dem Fahnenflüchtigen benennen lassen. Der jetzige 13. Jahrgang hatte sich im vergangenen Jahr mit der Osterholzer Geschichte befasst und dabei das Schicksal von Kurt Albrecht recherchiert. Der Geschichtskursus der zwölften Jahrgangsstufe griff die Hinrichtung jetzt noch einmal auf. Die Schüler glauben: Wäre Kurt Albrecht zukünftig ein Weg gewidmet, geriete der Name und die bewegende Geschichte des Deserteurs nicht in Vergessenheit. Die Schüler hatten Ludwig Baumann zu ihrer Gedenkfeier eingeladen, einen zum Tode verurteilten Deserteur. Der heute 83-Jährige freute sich sehr über die Schüler-Idee eines "Kurt-Albrecht-Weges". Es wäre die erste Straße in Deutschland, die einem Fahnenflüchtigen aus dem Zweiten Weltkrieg gewidmet würde, sagt er. Ludwig Baumann ist der Vorsitzende der Bundesvereinigung "Opfer der NS-Militärjustiz". Er erzählte den interessierten Schülern, wie er selbst 1942 desertierte, und wie er dafür kämpfte, dass die NS-Urteile über Fahnenflüchtige aufgehoben wurden. Als Hitler den "Lebensraum im Osten" verkündete, fragte sich Ludwig Baumann, was mit den Menschen dort passieren sollte. Die Wochenschau zeigte russische Kriegsgefangene, die bei zweistelligen Minusgraden auf offenem Feld zusammengetrieben wurden. Mit einem Kameraden beschloss der junge Soldat einer Hafenkompanie in Bordeaux: "Wir wollen nicht diese Verbrechen. Wir wollen ganz einfach leben." Auf der Flucht ins unbesetzte Vichy-Frankreich wurden die beiden Deserteure entdeckt und verhaftet. Die Verhandlung vor dem Kriegsgericht endete nach 40 Minuten mit dem Todesurteil für Baumann. Später folgte unverhofft die Begnadigung. Er kam ins Strafbataillon an die Ostfront, zum "Verheizen", sagt er. Baumann wurde schwer verwundet, verbrachte den Rest des Krieges im Lazarett. Bis heute plagen ihn die Erinnerungen an diese Zeit, als jeder Tag sein letzter hätte sein können. Seine Schilderungen ließen die versammelten Schüler erschrecken. Ludwig Baumann fand heraus, dass er einer von über 30 000 Deserteuren, "Wehrkraftzersetzern" und Kriegsdienstverweigerern war, die von der Militärjustiz des Dritten Reiches zum Tode verurteilt wurden. 20 000 Hinrichtungen wurden seinen Recherchen zufolge vollstreckt. Er zählt weniger als 4000 Begnadigte, die Konzentrationslager und Strafbataillone überlebt haben. Der alliierte Versuch, die Bevölkerung zu entnazifizieren, trug im Nachkriegsdeutschland wenig Früchte. Deserteure wie Ludwig Baumann wurden lange als Feiglinge beschimpft. Noch 1994 schrieb ein ehemaliger Ritterkreuzträger an Baumann, er würde sich bald "vor dem Reichskriegsgericht in Berlin zu verantworten haben". Nicht nur Nazi-Hardliner, sondern auch die Politik wendete sich von den Fahnenflüchtigen ab. Erst am 17. Mai 2002 wurden die alten NS-Urteile gegen sie gesetzlich aufgehoben. Der "Kriegsverrat" wurde dagegen als Straftatbestand nicht abgeschafft. Ludwig Baumann kann darüber nur den Kopf schütteln. "Was kann man besseres und menschliches tun, als Kriege zu verraten", fragt er sich. Hätte es mehr "Kriegsverräter" wie ihn gegeben, argumentiert er, wäre der deutsche Vernichtungskrieg früher vorbei gewesen, hätten weniger Menschen sterben müssen. Eigentlich hätten die versammelten BBS-Schüler Baumann noch Fragen stellen dürfen, fanden dafür aber keine Worte. "Wir lassen auf uns wirken", erklärte eine beeindruckte Schülerin. Der stellvertretende Bürgermeister Osterholz-Scharmbecks, Klaus Sass, sagte den Schülern zu, sich für die Widmung eines "Kurt-Albrecht-Weges" einzusetzen. Der dazu ersonnene Weg wird von vielen BBS-Schülern täglich benutzt. Ihn nach jemandem zu benennen, der in ihrem Alter der NS-Militärjustiz zum Opfer fiel, halten sie für besonders passend.
Von
unserem Mitarbeiter Osterholzer Kreisblatt v. 29.04.2005 |