Fahrzeugwerke Fritz Drettmann
und andere Firmen in Osterholz-Scharmbeck:
Arbeitseinsatz ausländischer Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener

 

- Die Frerichs-Werft als Vorgängerin der Drettmann-Werke

- Entwicklung der Fahrzeugwerke Fritz Drettmann

- Einsatz von ausländischen Arbeitskräften ab 1942

- Auflösungserscheinungen im April 1945

- Verächtlicher Umgang mit Russen – ein Kindheitserlebnis

- Quellen:

 

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Die Frerichs-Werft als Vorgängerin der Drettmann-Werke

 

1865 zog das Unternehmen Frerichs & Co von Rönnebeck nach Osterholz um. Die Ansiedlung der Eisengießerei und Maschinenfabrik war für die damaligen Orte Osterholz und Scharmbeck und ihre Umgebung ein Glücksfall, denn mit dem bisher führenden Scharmbecker Tuchmachergewerbe ging es wirtschaftlich bergab. 1900 bildete sich das Unternehmen zu einer Aktiengesellschaft um und 1904 vergrößerte es sich erheblich, um größere Schiffe bauen zu können. Aus diesem Grund eröffnete es eine Werft als Zweigbetrieb in Einswarden an der oldenburgischen Seite der Unterweser. Somit konnte das Unternehmen seinen Gewinn um 10 % steigern. Bis zum Ersten Weltkrieg baute es vor allem Schiffe und Schiffs-Dieselmotoren. Während des Weltkrieges produzierte es im Osterholzer Werk vor allem Granaten und in den frühen  Nachkriegsjahren führte es überwiegend Reparaturarbeiten durch. 1927 brannte die Eisengießerei ab, die wegen finanzieller Schwierigkeiten nicht wieder aufgebaut wurde. Im Juli 1931 musste der Betrieb wegen der starken Verschuldung eingestellt werden. Die Stadt Osterholz-Scharmbeck erwarb als Hauptgläubiger das Grundstück mit den Fabrikgebäuden.

  

Entwicklung der Fahrzeugwerke Fritz Drettmann

 

Am 23. September eröffnete Fritz Drettmann seine Fahrzeugwerke in Bremen. Zweck des Unternehmens war die Reparatur von Kraftfahrzeugen sowie die fabrikmäßige Herstellung von Lastkraftwagen. 1939 bezog er mit einer Belegschaft von 350 Arbeitern und Angestellten die von der Stadt Osterholz-Scharmbeck erworbenen Gebäude und Grundstücke der früheren Frerichswerft. Die Fabrikation von Lastwagenhängern wurde bald auf reine Rüstungsproduktion umgestellt. Die Firma Drettmann stellte jetzt Drehkreuze für 8,8 Zentimeter-Flakgeschütze her und entwickelte sich zu einem „kriegswichtigen Betrieb“ mit bis zu 1200 Beschäftigten. Darauf wird noch näher einzugehen sein. 

Bald nach dem Zusammenbruch 1945 gestattetet die US-Militärregierung dem Unternehmen, mit 130 Arbeitern Lastwagenanhänger und landwirtschaftliche Maschinen zu reparieren. Den Firmeninhaber Drettmann nahm sie im August 1945 allerdings vorübergehend in Gewahrsam und setzte einen Verwalter ein. Der Betrieb musste ausgelagert werden, denn US-amerikanische Einheiten besetzten das Werk. Nach Abzug der Besatzung im Jahre 1948 wurde es wieder bezogen. Allerdings waren viele der Maschinen nicht mehr zu gebrauchen, da sie von den Amerikanern zerstört worden waren. 1953 geriet die Firma Fritz Drettmann in finanzielle Probleme und musste einen Vergleich mit den Gläubigern eingehen. Seitdem lag das Fabrikgebäude brach. Das Unternehmen Drettmann entschloss sich, nach Bremen-Burg umzuziehen, musste dort aber endgültig schließen.

 

 

Einsatz von ausländischen Arbeitskräften ab 1942

 

Mehr als 2500 Firmen beschäftigten während der NS-Zeit Arbeitssklaven: Vernichtung durch Schwerstarbeit, Zwangsarbeit ohne Entlohnung. Es waren u.a. Polen, Russen und Juden, es waren Menschen, die die Nazis aus den eroberten Gebieten verschleppt oder dort angeworben hatten.  

Anfang 1942 erhielt die Stadt Osterholz-Scharmbeck die Mitteilung, dass Reichsmarschall Hermann Göring „die Anwerbung von Arbeitskräften größten Umfanges aus den gesamten besetzten sowjetrussischen Gebieten und ihren Einsatz im Reichsgebiet angeordnet“ habe. Dies geschah, damit die Rüstungsproduktion wieder auf Hochtouren laufen konnte. Am 23. Juni 1942 informierte der Drettmann-Prokurist Heider die Stadt darüber, dass in den nächsten Tagen 200 deutsche und 150 russische Arbeiter eintreffen würden. Die „Zivilrussen“ würden der Firma von der Organisation Todt überwiesen und sollten in Baracken in der Bremer Straße hinter der Werkssiedlung untergebracht werden. Allerdings stand weder fest, wann die Baracken aufgebaut werden, noch wann genau die Russen eintreffen würden. Deswegen bat Herr Heider die Stadt um vorläufige Notunterkünfte.

Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass auch ca. 200 deutsche Arbeiter eintreffen würden. Für diese galt das gleiche Unterbringungsproblem wie für die Russen. Inzwischen waren es nun also schon knapp 350 Zwangsarbeiter, für die keine Unterbringung vorhanden war. Anfang Juli konnte die Firma doch eine eigene Unterbringungsmöglichkeit schaffen.

Im Laufe der Zeit wuchs die Bedeutung der Drettmannwerke als kriegswichtiger Betrieb. So kam es, dass die Anzahl der Fremdarbeiter auf 543 Personen anstieg. In dem Osterholzer Rüstungsbetrieb arbeiteten zeitweise 285 Russen, 112 Tschechoslowaken, 44 Holländer, 32 Franzosen, 25 Belgier und zwei Polen, die in Baracken untergebracht waren. Weitere 42 Ausländer wohnten in Werkswohnungen oder in Gebäuden auf dem Werksgelände. Diese teilten 22 Holländer, 10 Belgier und 10 Tschechen unter sich auf. Gegen Kriegsende scheinen bei Drettmann noch italienische Militärgefangene eingesetzt worden zu sein. Jedenfalls berichtete die US-Militärregierung am 23. Mai 1945, dass 43 Italiener aus „Drettmanns camp OSTERHOLZ“ abgezogen worden seien. Dieses nunmehr geräumte Lager habe sich in einem unbefriedigenden Zustand befunden. Die ausländischen Zivilarbeiter wurden im „Dritten Reich“ unterschiedlich behandelt. Während die russischen Arbeitskräfte im Lager bleiben mussten und bewacht wurden, konnten sich alle anderen Arbeiter frei bewegen.

Auflösungserscheinungen im April 1945

 

Kurz vor Kriegsende - am 30. April 1945 – beschwerte sich der Bürgermeister Urban beim Landrat darüber, dass russische Kriegsgefangene nicht mehr sicher untergebracht seien: Das Betriebsgrundstück des Bauunternehmers Karl Mevius sei zur Unterbringung von 70-75 russischen Kriegsgefangenen, die in der Torfgewinnung arbeiteten, in Beschlag genommen worden. Das Grundstück befinde sich direkt neben dem Rathaus und sei weder durch Stacheldraht noch durch Wachen gesichert. Somit sei es den Gefangenen möglich, sich frei zu bewegen. Urban forderte, das Fabrikgrundstück Drettmanns in Anspruch zu nehmen und dort die Gefangenen unterzubringen. „Hier befindet sich auf dem Sportplatz ein Schuppen, in dem früher das bei Drettmann beschäftigte Strafgefangenenkommando untergebracht war. Dieses Gebäude ist mittlerweile durch Bombenabwurf  beschädigt worden, aber ist für die Unterbringung von Strafgefangenen noch durchaus benutzbar.“ Daraus wurde jedoch nichts mehr. Die britische Militärregierung brachte die Kriegsgefangenen am 15. Mai in Ritterhude unter, von wo sie in die Heimat zurückgebracht werden sollten.

 

 

 

Verächtlicher Umgang mit Russen – ein Kindheitserlebnis

 

Nicht alle ausländischen Arbeitskräfte arbeiteten bei Drettmann. In Osterholz-Scharmbeck sollen insgesamt fast 1200 Personen beschäftigt worden sein.

Wie sie lebten und behandelt wurden, schildert Hans Jürgen Plaumann, dessen in Bremen ausgebombte Familie Ende 1943 nach Osterholz-Scharmbeck evakuiert wurde. Er war damals neun Jahre alt:

 „Gegenüber am Weg zum Klosterholz dann der unüberwindliche Zaun zum großen Garten des Kaufhausbesitzers Reuter und daneben am Waldrand zwischen Klosterholz und Kleinbahnhof – heute Kundenparkplatz - das `Russenlager´, eine Baracke für kriegsgefangene russische Soldaten, die morgens unter Bewachung in einer Kolonne zur Arbeit in verschiedenen Betrieben in Osterholz-Scharmbeck geführt wurden und abends spät auf dem gleichen Weg in den stacheldrahtzaunbewehrten Teil des Lagers zurückkehrten.

Im Nebengebäude des Hauses befanden sich neben Waschküche und einer leerstehenden Pferderemise ein Schweinestall mit zwei Schweinen, die dem Lagerleiter K. des `Russenlagers´ gehörten und mit `Essensresten´ der russischen Kriegsgefangenen (meist einem Viertel Eimer) gefüttert wurden. Es waren die magersten Schweine, die ich je gesehen habe: groß, langschnäuzig, ohne ein Gramm Fett auf den zählbaren Rippen. (Im April 1945, unmittelbar vor dem Einmarsch der Engländer, als man Aufstände und Revolten der Gefangenen befürchtete, wurden sie geschlachtet und das Fleisch an die Gefangenen verteilt, um sie positiv zu stimmen.)

Versorgt wurden die Tiere von zwei Kriegsgefangenen – ähnlich mager wie die Tiere- die zu bestimmten Zeiten ohne Bewacher vom Lager zum Stall herüberkamen. Dabei wurden sie nicht selten von meinem neuen Spielkameraden erwartet, der damals zu Imponiergehabe und Selbstbestätigung neigte. Schon unbedeutende Anlässe genügten – wie ich später auf dem gemeinsamen Schulweg erlebte- um unversehens sein Mütchen an Unterlegenen zu kühlen.

Bei den beiden russischen Kriegsgefangenen bedurfte es nicht einmal eines nichtigen Anlasses, dass er sie mit einem Knüppel aus dem Stall durch den Garten zu jagen versuchte. Als ich dies zum ersten Mal sah, war ich schockiert, äußerte aber nicht meine Meinung und hielt ihn zurück. Auch von Erwachsenen auf dem Waldweg habe ich dies nicht gesehen. Die Kriegsgefangenen versuchten – zunächst noch verlegen lächelnd- die Schläge mit dem Futtereimer aufzuhalten und die Arme des schlagenden Achtjährigen festzuhalten, um ihn am Schlagen zu hindern. (Verständlicherweise, ihre Lage war schwierig, griffen sie dabei nicht mit aller Kraft zu.) Dann wurde das Gefecht atemloser und die Flucht schneller und endete mit einem triumphierenden Jungen auf einer Bodenerhebung am Lagereingang, der den Knüppel schwang und den aufs Lager Geflüchteten eine Suada von russischen Brocken hinterher schrie, die er –wie auch ich als Beobachter- für Schimpfworte hielt.“

 

Quellen:

Diercks/Thiel, Segelken, Wilke/Koch und Akten aus dem  Staatsarchiv Bremen sowie dem Stadtarchiv Osterholz-Scharmbeck; Plaumann (s. Quellenverz.)

 

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