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  "Für die Evangelischen war es noch schlimmer" -
Erinnerungen der Zeitzeugen Horst und Joachim Buchaly
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Die beiden Brüder Horst (66) und Joachim (75) besuchten am 13. 11. 2006 den Wahlpflichtkurs Geschichte Klasse 9 und hielten einen eindrucksvollen Vortrag mit anschließender Aussprache über ihre Vertreibung aus der schlesischen Stadt Mittelwalde – heute heißt die Stadt Miedzylesie und liegt in Polen – und ihren Neuanfang in Lohne.

Die Brüder Buchaly
Bild oben: Horst Buchaly  (66) und sein Bruder Joachim (75)

Die beiden Brüder verlebten mit ihren Eltern und ihren acht Geschwistern eine schöne Kindheit bzw. Jugend in ihrer alten Heimat Schlesien.

Sechs Jahre alt war Horst Buchaly, als er mit seiner Mutter und den meisten seiner Geschwister Ende März 1946 seine Heimatstadt verlassen musste. In einem Viehwagen reiste Mutter Buchaly – der Vater war noch in der nahen Festung Glatz inhaftiert – mit ihrem Nachwuchs in Richtung Westen. Von den wenigen Habseligkeiten, die die Buchalys und viele andere Familien mitnehmen durften, blieb kaum etwas übrig, da ihnen auf der Flucht das meiste abgenommen wurde. Am 27. März 1946 ging die Zugfahrt in eine unbekannte Richtung los. 30 – 40 Menschen waren in einem Waggon untergebracht und alle froren und hatten wenig zu essen.
Wie er (Horst) sich dabei gefühlt habe, wollte ein Mitschüler des Kurses wissen:
"Ach Gott, wir haben gemacht, was Mutter gesagt hat", antwortete er.
"Alternativen gab es ohnehin nicht", erklärte Joachim Buchaly.
"Bleiben", sagte er, "hätte wahrscheinlich den Tod bedeutet."
 
Die Zugfahrt dauerte vier lange Tage. Am 30 März 1946 erreichten die Mittelwalder Lohne. In der ehemaligen Fabrik Tapphorn schliefen die Vertriebenen dann drei Tage auf der Erde auf Stroh, bis sie in verschiedenen Quartieren in Lohne und Umgebung untergebracht wurden.

Im gespräch mit dem WPK Geschichte

Bild: Zeitungsbericht der Oldenburgischen Volkszeitung vom 14.11.2006

Für die Buchalys ging es nach Brockdorf bei Lohne. Wie sie hier aufgenommen wurden, wollte einer unserer Mitschüler wissen.
"Na ja, wir waren katholisch",
antwortete Horst Buchaly und erklärte:
"Für die Evangelischen war es noch schlimmer!"
Acht Quadratmeter groß war das neue Zuhause für den Großteil der Familie, zwei Brüdern war ein anderes Quartier in der Nähe zugewiesen worden. Lebensmittel gab es kaum.
"Manchmal", erzählte Horst Buchaly, "habe ich den Schweinen das Futter geklaut oder rohe Eier gemopst und ausgeschlürft, das gab Kraft!"
Irgendwann sei er kräftig genug gewesen, um eingeschult zu werden. Doch auch in der damaligen Volksschule Brockdorf war das Flüchtlingskind nicht willkommen. Täglich habe er Prügel bezogen – mit einem Stock, den er selbst mitzubringen hatte. Dieser sadistische Lehrer wurde aber nach einiger Zeit angezeigt und aus dem Schuldienst entfernt.
Später hat der heutige Rentner Horst Buchaly den Beruf des Dachdeckers erlernt, mit einer Frau aus Lohne eine Familie gegründet, ein Haus gebaut und sich bis heute rege am Lohner Vereinsleben beteiligt.
Joachim Buchaly arbeitete als Maurer und Fliesenleger und lebt heute in der Nachbarstadt Dinklage.
Beide Brüder waren in den letzten Jahren oft in ihrer alten Heimatstadt Mittelwalde zu Besuch, die schon über 50 Jahre Patenstadt von Lohne ist.

 

 

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